Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Der letzte Nachtwächter von Reudnitz


      In jedem Dorf war es früher in der Ordnung, daß es einen Nachtwächter gab, der in der Nacht für die Gemeinde seines Ortes wachte. Ob für Feuer, Wasser oder Einbrüche, stets war er der Mann, der sein Auge und Ohr überall hatte.
 
      So war es auch in unserer Gemeinde Reudnitz. Es war der alte Wetzels Franz, ein großer Mann mit Vollbart. Von Beruf war er Leineweber, aber der Verdienst war zu der Zeit sehr gering und so suchte er sich noch eine Nebenbeschäftigung. Wenn er von der Arbeit kam, dann schlief er bis 9.00 Uhr abends. Um 10.00 Uhr ging dann sein Dienst los. Seine Ausrüstung war ein großer langer Mantel, eine Mütze, die er weit über die Ohren ziehen konnte - ein Paar Handschuhe fehlten auch nicht. Dazu seinen Stock, die Laterne und die Stechuhr hatte er umgehängt. So zog der Nachtwächter jeden Tag pünktlich auf, ob Sonn- oder Feiertag, ob Sommer oder Winter, so machte er sich auf zu seiner Runde im Dorf. Zur Kontrolle, daß er auch wirklich seine Runde machte, waren an den Ortsausgängen kleine Kastenschlösser angebracht, meistens an Gebäuden, die an der Straße lagen. Darin lag dann ein Schlüssel und mit diesem Schlüssel mußte er seine Stechuhr stechen. Am anderen Tag mußte er dann aufs Gemeindeamt und mußte seine Stechuhr vorlegen. Hier wurde dann das Papierzifferblatt herausgenommen und so konnte man genau feststellen, zu welcher Uhrzeit er den Kontrollpunkt angelaufen war. Noch heute sind zwei von den Kontrollschlössern erhalten, allerdings stark verrostet. Eines ist draußen bei Tungers in der Werdauer Straße, das andere bei Dietzens am Pfeifersberg (Straße des Friedens). Die Straßenbeleuchtung war zu der Zeit spärlich, nur ab und zu brannte mal eine Lampe und so tappste der alte Nachtwächter oft in der Dunkelheit dahin. Kein Wunder, daß er dann in der Dunkelheit so manches betrachten konnte. Vor allem die Liebespaare machten ihm oft den größten Spaß, wenn er sie überraschen konnte. Aber auch bei den Wirtshäusern legte der Franz sein Ohr an und so konnte er manches mithören, was drinnen diskutiert wurde. So manchen Spätheimgänger traf er in der Nacht, die mit ihm dann noch etwas plauderten. So erzählte er ihnen dann meistens von den Sternen. Sein Ausspruch war dann meistens: "To äh Stern und to äh Stern und to äh ganzes Trampele."
 
      Nach seinem Tode gab es dann keinen Nachtwächter mehr und so hatte der Ort wieder ein altes Original weniger.

Aufzeichnung aus der Ortschronik ohne Nennung des Autors