Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Nur ein Bombensplitter vom Haardtberg ??

Erinnerungen von Hubert Risch
 
      Es ist der 06.02.1945. Ich bin 11 Jahre. Meine Schule ist das Gymnasium, die Bismarckschule in Greiz. Am Vormittag heulen wieder die Sirenen. Voralarm. Nichts wie raus aus dieser Stadt! Sonst mußten wir in die engen und überfüllten Schutzkeller.
      Aubachtal habe ich mit meinem Rad schon hinter mir. Wieder heulen die Sirenen auf. Hauptalarm. Am letzten Berg vor Mohlsdorf treffe ich noch Schulkameraden. Gemeinsam eilen wir nach Hause, denn wir hören schon das bekannte monotone Motorenbrummen am trüben Himmel. Bombengeschwader ziehen über uns. Plötzlich ein nicht vertrautes Fauchen und Rauschen und kurz darauf der Beginn eines ohrenbetäubenden Krachens.
      Ich sehe noch, wie Bomben aus den dichthängenden Wolken hervorstoßen, dann werfe ich mich in den nassen Straßengraben neben dem Zaun an der Spornburg. Wir Schüler ducken uns zusammen und machen uns ganz klein. Um uns ist die Hölle. Fensterscheiben bersten. Erde und Steine rieseln herab. Dann Stille. Wie versteinert blicken wir um uns. Die feuchten Wiesen des Aubachgrundes sind aufgerissen. Vielleicht einhundert Bombentrichter oder mehr haben die Wiesen in eine Mondlandschaft verwandelt. Überall riesige Krater und wir mittendrin. Der nächste Einschlag war auf der anderen Straßenseite, nur etwa 20 m entfernt. Wortlos eilen wir weiter nach Hause. Auf der langen Geraden vor Mohlsdorf ist die Straße durch mehrere Bombeneinschläge aufgerissen. Eine Frau Weinhold kommt uns erregt entgegen. "Habt ihr unsere Kinder gesehen, sie wollten hier im Wald spielen?" In Mohlsdorf sehe ich, die Turnhalle ist zerstört. Menschen rufen sich zu: die Schule ist weg, auch am Klein'schein Haus ist etwas passiert. Vor Reudnitz sei die Weberei in Trümmern und die Straße am Berg aufgerissen. Zu Hause kommen mir Nachbarsfrauen ganz aufgelöst entgegen: "Deine Mutti ist zum Haardtberg gerannt, dort muß bei deiner Tante etwas Fürchterliches passiert sein." Dann stehe ich vor einem Berg von Trümmern. Meine Mutti nahm mich kurz in die Arme und schickte mich nach Hause zu meiner kleinen Schwester. Meine Mutti wühlte aber mit den ersten Helfern weiter mit bloßen Händen in dem Berg von Lehm, Holz und Steinen. "Sie müssen doch noch leben", waren ihre Worte unter Tränen und Entsetzen. Krieg kann verdammt grausam sein: Am Nachmittag hat man meine Tante Elly Seifert gefunden. Tot. Sie hat sich, als das Inferno losbrach, wahrscheinlich noch über den Stubenwagen ihres kleinen Kindes geworfen, um es zu schützen.
      Das Kind - Frieder Seifert - hat so wie ein Wunder unverletzt überlebt. Die Mutter - Frau Pöhler - wurde ein oder zwei Tage später in den Trümmern tot gefunden.
      Tage später war die makabre Totenfeier auf dem Platz vor der zerstörten Turnhalle. Auch der kleine Junge, den die Frau Weinhold gesucht hatte, lag in einem der Särge, die mit Hakenkreuzfahnen bedeckt und zum Appell auf dem Platz aufgereiht waren.
      Der kleine Junge wurde durch einen Bombensplitter im Kopf getötet. - Nur ein Bombensplitter!

Aufgeschrieben Von Hubert Risch im September 2000.