Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Der Höllenfürst aus der Kalkgrube


      Alljährlich am Nachmittag des 30. April veranstaltete in den 20er und 30er Jahren die Sektion Greiz des Thüringerwald-Vereins in der Kalkhütte für ihre Mitglieder und deren Kinder ein Großes Rostbratwurstessen. Freilich kam vor, daß es mal "Bindfäden goß". Das jedoch schmälerte weder Appetit noch gute Laune. Im alten Hüttchen, das vom Thüringerwald-Verein instandgehalten wurde, vor allem den Kindern das Rostbratwurstessen fast noch mehr Spaß als draußen auf der vorgelagerten Wiese machte, die von einem dichten Wäldchen umstanden wurde, hinter dessen knorrigen Bäumen man sich beim "Versteck- Spiel" so herrlich verbergen konnte.
      War es jedoch frühlingshaft schön und schien die Sonne vom blauen Himmel herab, durften die Kleinen, unter Aufsicht eines Erwachsenen natürlich, auch einmal mit dem Floß auf dem Wasser der etwas tiefer gelegenen Kalkgrube gondeln, von der niemand wußte, ob sie nicht gar "das Tor zur Hölle selbst war."
      In launigen Festansprachen jedenfalls wiesen Zahnarzt Dr. Wriedt oder Oberförster Stötzer immer und immer wieder darauf hin: "Die Wasser (der Kalkgrube) weichen Schlag 12 Uhr in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai an die Ufer zurück, damit der Höllenfürst mitsamt Großmutter und Gefolge trockenen Fußes auf die Oberfläche unserer Erde gelangt. Von hier aus starten sie dann auf ihren Reisigbesen zur wilden Geisterfahrt, die geradewegs auf den Brocken geht !"
      Beobachtet freilich hat solchen Vorgang niemand. Jedoch ist die Szene von Generation zu Generation mündlich überliefert und schließlich und endlich im "Greizer Sagenbuch" festgehalten worden.
      Gegen 8 Uhr abends kam dann der alte Herr Schweizer, seinerzeit Pächter vom "Waldhaus", und fuhr die Sprößlinge mit seinem Auto in die Stadt zurück. Die Eltern und Älteren freilich zogen indessen vergnügt zum Waldhaus. Dort tat man sich an Wellfleisch und Sauerkraut - alljährlich am Vormittag des 30. April war "Schlachttag im Waldhaus"- gütlich und vertrieb sich die Zeit bei Tanz und "Feldschlößchenbräu" bis gegen einhalb 12 Uhr.
      In sternklarer Nacht brach die muntere Schar zur Wanderung in Richtung Pohlitz auf. Bald kam der große Holzplatz in Sicht. Die Jüngsten unter den Älteren sammelten eifrig Holzscheite zusammen und errichteten den Scheiterhaufen, auf den die Hexenpuppe, die Herr Schweizer mitgebracht hatte, gelegt wurde. In feierlicher Zeremonie entzündete der Älteste den Stoß. Und während Hexen und Hexer sich auf dem "Hexentanzplatz" (südlich von Thale) und Brocken in wilden Tänzen und Spielen vergnügten, bäumte sich hier in Greiz-Pohlitz die Strohhexe in lodernden Flammen auf, fiel dann zusammen und wurde zu einem Häuflein Asche. Über die Reste des Feuers sprangen die "Jüngeren der Älteren". Während alles jauchzte:
      "Die Winterhexe ist tot, es lebe der Frühling!", trampelten die mit festem Schuhwerk, das waren meistens Herren (Studienrat K o h l s t e d t etwa oder Studienrat S c h e n d e r l e i n, Herr Hans-Hermann G e r h a r d t oder Dr. P e r t h e l ) die letzten Funken aus. Nicht ohne eine "Brandwache" zurückzulassen, ging es wieder ins "Waldhaus". Dort feierte man das Frühlingsfest bei Fröhlichkeit und Bier bis in den frühen Morgen hinein.
      Mit dem Lied "Der Mai ist gekommen" brachen dann alle regelmäßig gegen 4 Uhr in der Morgendämmerung auf. Herr Schweizer stand in der Eingangstür und rief den Davonziehenden nach: "Gut zu Tal".

Rudolf Jahn