Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Das Bedürfnishäuschen


1. Herr Meier war ein netter Mann,
sehr fleißig sparsam und bescheiden.
Doch eines Tag`s geschah es dann,
begann ein unvorhergesehnes Leiden.
 
2. Der Grund, man kann es kaum wohl glauben,
ein Lokus war's, auch noch Closett genannt.
Dies Faktum ließ den Schlaf ihm rauben,
denn was begann, war bisher unbekannt.
 
3. Herr Meier, von dem hier die Rede ist,
besaß ein kleines Haus als sein Besitz.
Er kaufte es vor längrer Frist
von dem Herrn "Graf von Itzenblitz."
 
4. Gar wohlgefällig war es ihm
in diesem kleinen Wohngebilde.
Derweil ein Mangel, wie ihm schien,
besaß es, dieser Ausdruck ist noch milde.
 
5. Denn für die Notdurft alleweil,
gab es ein Holzhaus mit viel Ritzen.
Der Wind blies an das Hinterteil
beim täglichen Entleerungssitzen.
 
6. Deshalb beschloß der kluge Mann,
ein neues Notdurfthaus zu bauen.
Er wollte zeigen, was er kann.
Ihm stärkte es sein Selbsvertrauen.
 
7. Mit Energie und Schöpferkraft,
galt es den Bauplan zu gestalten.
Mit Akribie und Leidenschaft
Begann sein Geist sich zu entfalten.
 
8. Nun stand es schwarz auf weiß, wohlan,
das Bauwerk, einen Meter im Quadrate.
Sein Glücksgefühl, man sah's ihm an,
ein Sonnimann im deutschen Staate.
 
9. Jetzt ward gekauft mit Übersicht,
Zement, zwei Tonnen Sand,
auch Eisen, Holz vergaß er nicht
und Rüstzeug für die Wand.
 
10. Nun auf zur Tat! Mit aller Kraft
ward dann die Grube ausgehoben,
Beton gefüllt, gar meisterhaft
und Eisenstäbe eingeschoben.
 
11. Fest muß das edle Werk schon sein,
soll trotzen Brausen und Gewalten.
Drum schalte er die Wände ein,
und es begann ein schöpferisch Gestalten.
 
12. Im Schweiße seines Angesichts
wuchs Stück für Stück der Bau empor.
Er schonte seine Kräfte nicht,
und sein Talent kam nun hervor.
 

 
13. Nach Tagen schwerem Tätigsein
war's endlich dann geschafft,
und Stolz zog in sein Herz hinein.
Er strotzte voller Kraft.
 
14. Als endlich dann die Schalung fiel,
das Becken angeschlossen,
stand er vor seinem Lebensziel
voll Glück und unverdrossen.
 
15. Fest wie Festung Königstein
aus Eisen und Beton,
gebaut von ihm nur ganz allein,
das kommt ins Lexikon.
 
16. Premiere war nun angesagt.
Er konnt' es nicht erwarten.
Die erste Notdurft ward gewagt.
Mit Wohllust konnt `er starten.
 
17. Ach war das eine große Lust,
so wohlsam hier zu sitzen.
Er klopfte sich an seine Brust.
Kein Wind pfiff durch die Ritzen.
 
18. Nach der getanen Leibespflicht
erhob er sich von seinem Throne.
Da klopfte es ganz fürchterlich
mit unverkennbar barschem Tone:
 
19. "Ich komm vom Bauamt, lieber Mann,
und muß hier inspizieren.
Ein Strafverfahren liegt hier an.
Das muß ich praktizieren.
 
20. Bevor ein Bauwerk wird begonnen,
da müssen Formulare her.
Das haben kluge ausersonnen,
nur baun allein, das geht nicht mehr
 
21. Die Wasserwirtschaft und Kultur,
das Umweltamt, die Energie,
das Bauamt kommet noch zuvor.
Das ,Ja' von allen brauchen Sie.
 
22. Nicht eins von ihnen liegt hier vor,"
sagt der Beamte dienstbeflissen,
"deshalb gibt's eine Prozedur.
Das Haus wird abgerissen!"
 
23. Mit eisern Mien verschwand der Mann.
Herr Meier stand wie ein Soldate.
Er starrte nur sein Bauwerk an,
zwei Meter hoch, ein Meter im Quadrate.
 
24. Am andern Morgen stand er da,
ein Mordsgerät von einem Bagger.
Herr Meier, als er diesen sah,
sprach zu dem Häuschen: "Halt dich wacker!"
 
25. Der Baggerführer lachte nur.
"Da lohnt sich doch die Anfahrt nicht.
Das Ding da, diese Witzfigur
ist weg, ohne dass man drüber spricht!"
 
26. Dann schaltet er den Motor ein
und ließ die Schaufelzähne fletschen.
Sie stießen in das Haus hinein,
als wollten sie's zerquetschen.
 
27. Dann ruckt der Bagger, drückt und zog,
um die Zerstörung zu vollbringen.
Doch wie er sich auch reckt und bog,
der Abriß wollte nicht gelingen.
 
28. Nun gings mit voller Kraft zu Werk
Er streckte seine Eisenglieder,
zerbersten diesen kleinen Zwerg
und saust mit seiner Schaufel nieder.
 
29. Doch weil's ohn Sinn und ohn Verstand,
mit Frust und Wut geschah,
erwischt er gar die Wohnhauswand.
Ein Chaos gab es da.
 
30. Die Giebelwand brach krachend ein,
das halbe Dach dazu.
Die Balken flogen hinterdrein,
und dann war Totenruh.
 
31. Nach der zehten Schrecksekunde
löste sich des Meiers Schreck,
und es quoll aus seinem Munde
Gift und Galle, Teufelsdreck.
 
32. Faustgeballt, mit rotem Kopfe
ging er auf den Bagger zu,
rauft dem Fahrer an dem Schopfe.
Er bewahrt jedoch die Ruh.
 
33. "Dieses Wohnhaus, Menschenskind,
ist zweihundert Jahre alt.
Bläst ja fort ein scharfer Wind,
deshalb läßt mich das auch kalt."
 
34. Abgerissen ward die Reste
und auf Halde weggebracht,
sagte, das sei wohl das Beste.
Mensch, wer hätte das gedacht.
 
35. Und noch das Bedürfnishaus,
Dynamit hats weggerissen.
Das war Meiers schlimmes Aus.
Seine Lage war beschissen.
 
*) 36. In ´ner Bude lebt er nun,
und die Not ist riesengroß.
Keiner will für ihn was tun.
So schnell wird man obdachlos.
 
*)oder auch
 
36. Doch Herr Meier klagte nicht,
hat vergnüglich nur gekichert.
Zeigt ein freundliches Gesicht,
denn er war allianzversichert.

Heinz Jungk