Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Die drei schützenden Kreuze

Mein Großvater erzählte mir einmal aus seiner Jugendzeit, der Mitte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, folgende sagenhafte Begebenheit:
      "Im Sommer 1866 hatte ich als Leinwebergeselle bei meinem Meister, dem alten Pfeifers Friedrich in Herrmannsgrün, ausgelernt (sein Häusel stand gleich hinter der alten Kirche). Das 66er Jahr brachte den Krieg mit Österreich, und aus war's mit der Arbeit. Aber als Holzmacher im Waldhauser Wald fand ich bald eine neue Beschäftigung. Dort machte ich bei den Holzfällern eine sonderbare Beobachtung.
      Immer wenn sie eine Fichte oder eine Kiefer fällten, schlugen sie mit sechs raschen Schlägen ihrer scharfen Axt drei Kreuze auf die Schnittfläche des Stockes. Da wirbelten die Äxte wie Windmühlenflügel durch die Luft. Und immer in dem kurzen Augenblick, wenn der Stamm im Fallen den Schnitt freigab bis zum Aufschlag auf den Boden. In den paar Sekunden brachten es die Holzfäller fertig, ihre Schläge so wohlgezielt auszuführen, daß drei Kreuze entstanden. Das war freilich leichter gesagt als getan.
      Anfangs glaubte ich, die Kreuzkerben seien das Erkennungszeichen für den Eigentümer des Stammes. Als ich aber die sonderbare Hantierung öfter und auch anderswo sah, erkundigte ich mich bei den Arbeitern nach der Bedeutung jener kreuzweisen Schläge auf die Stöcke. Es war aber, als wollte jeder ein Geheimnis hüten, keiner verriet auch nur ein Sterbenswörtchen; bis eines Tages mir ein alter Herrrnannsgrüner Holzfäller folgende Erklärung gab:
      "Die drei Kreiz' machen ne Stock heilig; ower bluß, wenn de Schleeg gefallen sei, bis dr Stamm noch net ofn Ardbuden aufgeschloong is. Du muß mr fei höllisch aufpassen: denn wenn dr Baam en Drehrich macht, weil sich dr Wind nei 'n Giebel legt, kann 's en drschloong.
      Wenn nooch zr mittern Nacht dr Wille Goger vun dr Herrnreith rieber nooch dr Reinitzer Haardt übern Wald wag stärmt, deß mr denkt, de Walt gieht unter, noochert kumme de klän Holzweibel vor Angst agehetzt un setzen sich fixhurtig of de agekreizten Stöck'. Da sei se nämlich vor ihr'n ärgsten Feind, ne Willen Gager, sicher. A de arm'n Seel'n, wenn se von en Baam erschloong wurn sei, un nu in Wald rimhor err'n müssen, sei of'n agekreizten Stöcken vor biesen Geistern sicher. - Gesah ha iech noch kä su e kläns Holzweibel. Vielleicht gibt's gar käne meh...?" So erzählte mir's der alte Waldarbeiter, und es klang, als sei an seinen Worten nicht zu deuteln.
      Von anderen hörte ich später, die kleinen Holzweibel belohnen auch die Holzmacher für ihren nützlichen Dienst. Sie führen sie bei Dunkelheit nach der Arbeit sicher und ohne in die Irre zu gehen aus dem finsteren Wald nach Hause; sie lassen die Bäume gefahrlos fallen und die abgeworfenen Hirsch-geweihe und Rehstangen finden oder führen sie im Wald an Stellen, wo Beeren und Schwamme in Menge wachsen.
      Immer schloß mein Großvater wie zur Beteuerung mit den Worten: "Ich hab' den alten Herrmannsgrüner Holzmacher gut gekannt. Wenn er nicht geleinewebert hat, ging er zu den Bauern taglöhnern oder machte Holz im Wald. Und weil wir uns gut kannten, hat er mir die Geschichte erzählt, die Geschichte von den Holzweibeln und den drei Kreuzen; und das hab' ich so behalten."

Rudolf Schramm (Informant: Friedrich Vogel, aufgenommen 1935)