Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Aus einem jungen Hund wurde ein kleiner Fuchs


      Es war im Jahre 1963, als unser Sohn mit einem Freund eine Fahrradtour machte, wobei sie sich oft auf den Müllhalden aufhielten. Als es dunkel wurde, fanden sie auf dem Heimweg ein kleines Tier. Die beiden Freunde nahmen es an sich, betrachteten es, wurden aber nicht schlau. Es sah aus wie ein kleiner Hund, aber das Tier hatte etwas Fremdes an sich.
      Als unser Sohn nach Hause kam, zeigte er uns das Tierchen. Wir waren der Meinung, dass es ein Hund sei und ungefähr einen Tag alt sein müsste.
      Nun war guter Rat teuer. Wir hatten Glück, dass Kaffeesahne im Haus war, weil unser Sohn Jugendweihe feierte und wir dadurch die Sahne zugeteilt bekommen hatten. Unsere Tochter hatte noch von der Puppenstube ein kleines Fläschchen mit einem Schnuller übrig. Ich hatte die Milch erwärmt und schon saugte er die Flasche leer. An den folgenden Tagen war es genauso. Ich hatte das Tierchen in eine Schuhschachtel gelegt und mit einer Decke zugedeckt. Nachdem ich am Morgen in die Küche kam, bemerkte ich, dass es noch in seiner Schachtel lag. Sofort wusch ich es, puderte es wie ein Baby und gab ihm etwas zu saufen.
      Nach einer Woche sagte mein Mann zu seinem Freund: "Wir haben zu Hause einen Welpen. Dieser sieht allerdings nicht wie ein Hund oder eine Katze aus." Der Freund fragte: "Hat es eine weiße Schwanzspitze?" "Ja", antwortete mein Mann. "Dann ist es ein Fuchs", stellte sein Freund fest.
      Als mein Mann nach Hause kam, sagte er: "Ich weiß, was es für ein Tier ist." Wir waren sehr neugierig. Wir freuten uns, als mein Mann das berichtete. Wir entschlossen uns, ihm den Namen Hannes zu geben, da er merkwürdige Laute von sich gab.
      Zuerst war sein Fell grau, aber mit der Zeit wurde es braun. In der Küche stand für Hannes eine Holzkiste zum Schlafen. Nach etwa drei Wochen begann er allein zu fressen. Aus Spaß hatte ich Hannes ein Ei hingelegt. Er schnüffelte daran und fraß es auf. Es war sehr lustig anzusehen.
      Als Hannes 2 Monate alt war, wurde die Kiste zu klein. Mein Mann sagte, dass Hannes aus hygienischen Gründen nicht mehr in der Küche bleiben kann. Am Abend ließen wir ihn in den Garten. Dort befand sich eine Hundehütte. Am Morgen rief ich: "Hannes komm!" Sofort kroch er aus seinem Versteck und ich gab ihm etwas zu fressen.
      Eines Tages hinkte Hannes. Sofort ging ich mit dem Fuchs zum Tierarzt. Ich hatte Angst vor der Tollwut. Der Arzt hat Hannes untersucht und sagte: "Dem Tierchen fehlt Vitamin D. Das bekommen Sie in der Apotheke." Nach einigen Tagen ging es Hannes wieder gut.
      Einige Tage später kam ein anderer Tierarzt zu uns nach Hause. Er fragte, wo der Fuchs ist. Ich sagte: "Unten im Garten." Er ging mit mir in den Garten und sah, dass Hannes ordentlich an der Leine angebunden war. Der Tierarzt sagte, dass er den Fuchs mitnehmen muss. Ich wollte wissen warum und er sagte, es wäre wegen der Tollwut. "Das Tier ist gesund", erkärte ich ihm und dass der Fuchs bereits von einem anderen Tierarzt untersucht worden war und lediglich Vitamin-D-Mangel festgestellt hatte. Der Tierarzt fragte, welcher Arzt das war. Ich gab ihm die genaue Adresse. "Das Tier gebe ich nicht her. Ich habe es großgezogen." Der Tierarzt sagte, dass er sich wieder melden wird.
      Auch mein Mann wollte, dass der Fuchs bei uns bleibt, aber nach einer Woche wurde wieder bei uns geklingelt und vor der Tür stand ein Polizist. "Wenn Sie den Fuchs nicht herausgeben, müssen Sie, Ihr Mann und Ihre zwei Kinder nach Erfurt." Wir fragten, was wir da sollen. Es wurde uns mitgeteilt, dass wir dort gegen Tollwut geimpft werden müssen. Wir erklärten dem Polizisten, dass der Fuchs keine Tollwut hat; er ist untersucht worden. Der Polizist meinte, es gehe ihn nichts an, er hätte seine Vorschriften und gab uns einige Tage Bedenkzeit.
      Nun war guter Rat teuer. Am Samstag nahm mein Mann sein Motorrad und fuhr mit unserem Sohn überall die Umgebung ab, wo Tiergehege waren. Mein Mann fragte nach, ob man noch einen Fuchs aufnehmen könnte. Es blieb uns nicht mehr viel Zeit und bis jetzt hatten wir noch keine neue Unterkunft für Hannes gefunden. Mein Sohn meinte, wir könnten es im "Bildhaus" probieren. Dort ist ein Forsthaus und es wurden auch schon Füchse großgezogen. Wir machten uns alle auf den Weg und nahmen Hannes gleich mit.
      Wir hatten Glück. Der Förster hat Hannes gleich behalten. Er hatte dort einen großen Bau mit Gitter und hat sich gleich wohl gefühlt.
      Jetzt waren wie alle zufrieden. Wir sind an den Wochenenden oft nach "Bildhaus" gelaufen und haben unseren Hannes besucht. Er kam ganz nah an das Gitter, wenn wir ihn fütterten. Hannes hat uns noch erkannt. Er winselte wie ein junger Hund.
      Dann kam der Winter und erst im Frühjahr konnten wir ihn wieder besuchen. Aber seine Hütte war leer. Der Förster sagte uns, dass er vergiftet worden wäre. Das war für uns alle eine große Enttäuschung. Hannes wurde untersucht und es wurde festgestellt, dass er an dem Gift gestorben ist. Wir waren alle sehr traurig. Aber wir erinnern uns oft an die schöne Zeit, die wir mit Hannes verbracht haben.

Aufgezeichnete im Januar 2001 von Sani Hartig, Mohlsdorf
Geschichte bearbeitet durch Schülerin Heike Schulz der Freien Regelschule Reudnitz, betreut durch Frau Irrgang.