Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Die Zigeunerin


     Zur Urgroßväterzeit hatte Herrmannsgrün einen Pfarrer, der zwar schön predigte, aber nicht nach seiner Predigt lebte. Er hatte zwei Töchter, die einmal allein in der Pfarre daheim waren.
      Da kam zu ihnen in der Dämmerstunde ein steinaltes Mütterchen, das sie zuvor niemals gesehen hatten. Es humpelte an zwei Krücken in die Stube herein, blieb vor den Mädchen stehen und sprach zu ihnen in schwäbischer Mundart: "Ach, ihr guten Kinder", bat sie, "gebt mir alten Frau etwas zu essen. Seht, ich bin ein arm und verlassen Weib und habe gar zu großen Hunger." Den Mädchen tat das Mütterchen leid, aber sie durften nichts fortgeben und sagten darum zu der Alten: "Altes Mütterchen, ihr tut uns sehr leid, aber die Vorratskammer ist verschlossen und wir haben den Schlüssel nicht." Die Alte jedoch ließ sich nicht abweisen, sondern entgegnete: "Einer Hundertjährigen muss man immer geben können, und ich bin 126 Jahre alt und eine ägyptische Zigeunerin. Meinen Stammesgenossen war ich zu alt und im Wege. Pfui über sie! Sie haben mich hier zurückgelassen und sind auf und davon in die weite Welt gezogen. Nun bin ich auf die Barmherzigkeit guter Menschen angewiesen.
      Ich weiß bestimmt, ihr könnt mir geben, darum erbarmt euch und gebt mir!" Da machten die Mädchen weitere Ausreden, aber die Alte richtete sich an ihren Krücken zur Höhe und rief: "Ihr sagt zwar, ihr habt nichts. Aber ich sage euch: Oben in euerer offenen Bodenkammer liegen Eier mandelweise * und steht das Mehl in Töpfen. Ich schaue es ganz deutlich mit meinen Augen." Da erschraken die Mädchen, weil die Alte solches wisse und schämten sich ihrer Reden und eine verließ zögernd die Stube, stieg die Treppe zum Boden hinauf und holte für die Alte von den Eiern und dem Mehl. Die nahm es dankend und hinkte, so schnell sie konnte, an ihren Krücken davon.
      Der Pfarrer, als er nach Hause kam und ihm von der Alten berichtet wurde, fragte erstaunt: "Wie alt sagtet ihr doch?" "126 Jahre", antwortete die eine Tochter. "Und aus Ägypten stammt sie, und die Zigeuner haben sie hier zurückgelassen, weil sie so alt ist", fügte die andere hinzu. "Eine schöne Bescherung für unsere Gemeinde Herrmannsgrün", murmelte der Pfarrer und ging verstimmt in sein Studierzimmer. Nach einigen Tagen sprach die Alte wiederum in der Pfarre vor, als der Pfarrer daheim war. Er ließ sie in sein Zimmer treten, und die Mädchen drängten sich mit hinein und standen neugierig neben ihr.
      Als sie dem Pfarrer Rede und Antwort gestanden hat, wandte sie sich der ältesten Tochter zu mit den Worten: "Dir, meine Tochter, sehe ich's an, dass es dir einmal im Leben wohl gehen wird. Du wirst einen guten Mann bekommen und sorglos und glücklich leben. Jedoch du, armes Kind, wandte sie sich mit einem Schimmer von Traurigkeit an die zweite, wirst in deinem Leben nicht viel frohe Tage haben. Trübsal, Sorgen und Kummer werden dein Leben begleiten und dein Mann wird das Elend nicht mit dir ertragen. Weil dir aber solch hartes Los bevorsteht, will ich für dich sorgen und dir etwas mitgeben, was dir die Not und das Elend deines Lebens erträglich machen kann. Komm zu mir und du sollst die Kunst lernen, wie man den Leuten die Karten legt, damit dich später einmal das Elend nicht unterkriegt." "Und Du", so wandte sie sich an den Pfarrer, "kannst wohl schön predigen, bist aber selbst nicht glaubensstark. Aber du sollst schon glauben lernen! Merke dir, was dir die alte Zigeunerin sagt! Du lächelst zwar jetzt ungläubig über meine Worte, aber höre: Das Lachen wird dir einmal vergehen! Denn wisse, du wirst an deinem Leibe eine Wunde bekommen, die nicht heilt und die du mit ins Grab nehmen musst. Das sagt dir eine alte Zigeunerin."
      Damit hob sie ihre Krücken, wandte sich und hinkte davon.
      Die alte Zigeunerin starb und wurde in Herrmannsgrün begraben. Dann heiratete die älteste Tochter des Pfarrers und kam, wie man zu sagen pflegt, gut an. Aber die Jüngere bekam zum Mann einen Förster, der nicht gut tat, sein Geld in der Schenke verbrachte und Frau und Kinder elend vernachlässigte und bitter Not leiden ließ. Sie härmte, sorgte und grämte sich und lief umher wie ein Schatten. Als aber die Not ihrer Kinder ihr ins Herz schnitt, gedachte sie der Kunst, die sie von der alten Zigeunerin gelernt hatte, und sie legte den Leuten die Karten. Diese steckten ihr dafür Geld und anderes zu, was ihr Elend linderte. Ihre Kinder und Kindeskinder haben dann das Kartenlegen von ihr gelernt und daraus für sich weiteren Nutzen gezogen.
      Beim Pfarrer aber schien die Prophezeihung lange Zeit nicht eintreffen zu wollen und er lebte in der alten Weise dahin und dachte wohl kaum noch des alten Zigeunerweibes und ihrer närrischen Worte. Eines Tages ließ er sich sein Pferd satteln und sagte zu seinem Knecht: "Höre, Friedrich, ich reite zu meiner Schwester nach Greiz. Wenn etwas Wichtiges vorkommen sollte, so weißt du doch, sie wohnt in der Reihe. Leuten, die nichts Wichtiges bringen sollten, sage nur, ich sei morgen zurück." Damit bestieg er sein Pferd und ritt zum Besuch zu seiner Schwester nach Greiz. Als es abends in der zwölften Stunde war und er den Heimweg antreten wollte, bat ihn diese, er möge doch die Nacht über da bleiben.
      "Es ist so stockfinstere Nacht", sprach sie, "daß man kaum die Hand vor den Augen sehen kann. Dabei ist der Weg schlecht und dir könnte leicht etwas zustoßen." Er aber wollte nicht und zerstreute ihre Bedenken mit den Worten: "Ich habe einen guten Gaul, Schwester, auf den ich mich verlassen kann. Er kennt Weg und Steg und geht im Dunkeln ebenso sicher wie bei Tage." Damit nahm er Abschied und ritt in die dunkle Nacht hinein. Der Ritt über Pohlitz hinaus ging gut vonstatten, und mit festen und sicheren Tritten strebte das Pferd der Krippe zu. Als sie aber die Weiher rechts auf den Feldern zwischen Pohlitz und dem Raasdorfer Walde hinter sich hatten und näher an das Gehölz kamen, schnupperte das Pferd, als ob es etwas wittere und wurde unruhig.
      Der Pfarrer suchte es durch sanftes Klatschen am Hals, durch Streicheln und liebkosende Worte zu beruhigen, aber an der Ecke des Waldes blieb es plötzlich wie angewurzelt stehen, stemmte die beiden Vorderbeine straff gegen die Erde und zitterte an allen Gliedern.
      "Was das Tier nur haben mag", sagte der Pfarrer zu sich und gab dem Pferd die schönsten Worte, beugte sich über den Hals desselben und versuchte, das Zaumzeug zu untersuchen.
      Er fuhr aber schnell zurück, denn es war ihm, als habe er eine eiskalte Knochenhand berührt, die den Zaum des Tieres am Gebiss erfaßt hatte. Was er zuvor nicht gesehen hatte, gewahrte er nun: Links und rechts am Kopfe des Pferdes war es, als ob zwei glühende Augen sich aus der Dunkelheit der Nacht herausbohrten und ihn anstierten. Er starrte vor sich hin und erkannte zwei dunkle Gestalten, noch schwärzer als die Nacht, die standen lautlos zu Häuptern des Gauls und hielten ihn an dem Gebiss fest. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und rief mit gepreßter, zitternder Stimme: "Gebt den Weg und das Pferd frei! Ich bin's der Pfarrer von Herrmannsgrün!" Aber die Gestalten rückten und rührten sich nicht und gaben weder Antwort noch Folge. "Platz da, oder ich schieße!" rief nun zornig der Pfarrer und griff entschlossen unter seinen Mantel, riß die Pistole hervor und spannte knackend den Hahn.
      Da war's, als ob ein zweitönig höhnisches Lachen erscholl. Er zielte auf die eine Gestalt und drückte los, und der Knall des Schusses rollte weithin durch Wald und Tal.
      Da war auf einmal das Pferd frei, die beiden Gestalten waren verschwunden, aber der Pfarrer fühlte einen heftigen Schmerz in seinen Gliedern. Er hatte sich selbst geschossen. Das warme Blut rieselte ihm am Leib hinunter in den Stiefel, und er fühlte sich so matt, daß er sich kaum noch im Sattel zu halten vermochte.
      Bleich und halbtot kam er am Ende bei seiner Pfarre an, wo ihn der Knecht vom Pferde heben und ihm den blutgefüllten Stiefel vom Beine schneiden mußte.
      Daß der Schuß, den er auf die andere Gestalt abgegeben hatte, ihn selbst treffen konnte, war dem Pfarrer unbegreiflich. Er war fortan in sich gekehrt und nachdenklich. "Diese alte Zigeunerin!" sagte er bei sich. "Die Wunde habe ich nun, von der das Teufelsweib zu mir gesprochen, nun fehlte nur noch sie würde nicht heilen."
      Er war mit der Wunde beim Wundarzt gewesen. "In einigen Wochen ist sie geheilt und verharscht", hatte dieser zu ihm gesagt. Aber es vergingen Wochen, es vergingen Monate und die Wunde wollte und wollte nicht heilen. Er ging von einem Doktor zum anderen, aber jeder probierte an ihr seine Kunst vergeblich, und als er sich legte und starb, da mußte er sie ungeheilt und offen mit ins Grab nehmen, wie es die Zigeunerin gesagt hatte.

*mandelweise = 1 Mandel = 15 Stück (alte Maßeinheit)
Aus "Sagen des Greizer Reußenlandes" von Hans Stockmann