Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Der Hexenschuß


      Die dicke Olga vom oberen Dorf, nahe Greiz, war, es ist schon lange her, das sogenannte "Tageblatt" im Ort. Schon frühmorgens ging sie mit ihrem Kaffeepott los zu den Nachbarn, um zu klatschen und zum "gären", wie man sagt. Meistens dauert das bis gegen Mittag, manchmal sogar bis zur Vesperzeit. Und dann meinte sie: "Nee, zu so'n en Tog is doch ä garnisch mehr!"
      Einmal stand sie auch wieder bei einer Bekannten und konnte mit dem Reden nicht fertig werden. Da kam ihre Hausnachbarin ganz aufgeregt hereingeplatzt mit dem Schreckensruf: "Bei dir brennts d'r heeme!"
      In aller Seelenruhe erklärte Olga: "Des kann gar nich sein, iech hob doch ‚ne Hausschlüssel bei mir in der Tasch!" - - -
      Olga wusste über alles und jenes Bescheid, alle Kranken im Dorf waren ihr bekannt. Klagte jemand über Reißen im Bein, gleich hatte Olga dasselbe Leiden. Und hatte jemand Kreuzschmerzen, Olga meinte, sie habe sie auch. Überall war sie anzutreffen, wo es etwas Neues zu horchen gab.
      Bei einem Bauersmann hielt der Doktor aus der Stadt mit seinem Auto an - schnell musste Olga erfahren, was da los war. Der Bauer fragte den Arzt, was es denn sein könne, dass seine Schweine im Stall nicht richtig stehen. Der Arzt meinte: "Die Knochenweiche, Kalkmangel!" Kaum hatte es Olga mitgehört, da quatschte sie dazwischen: "Ooch, do wird mei Alter wohl ooch de Knochenweeche hamm!" - - -
      Wie Olga schließlich ins Rentenalter kam, war sie oft kränklich, wenn sie nicht ein bisschen richtig krankmachen konnte. Eines Tages klagte sie übers Kreuz, der Doktor wurde geholt und untersuchte sie, stellte schließlich Hexenschuss fest. Sie solle fleißig Rumpfbeugen machen, meinte er ...
      Olga tat es sogleich, zog die Röcke hoch und beugte den Oberkörper nach vorn. In diesem Moment entfuhr ihr was Menschliches, was nicht zu überhören war. Da richtete sie sich voll vorm Doktor auf und strahlte: "Ach Herr Doktor, der Schuß is naus, ner de Hex steht noch da!" - - -

HB 10/1976 Nacherzählt von Paul A. Meyer, Jena