Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Der Wunderkrug

     Mein Urgroßvater, der alte Schumannsbauer auf dem Waldhaus bei Greiz, wusste viele spannende Geschichten zu erzählen, so dass sich meine Mutter immer freute, wenn sie ihre Schulferien bei den Großeltern verbringen durfte. Am liebsten hörte sie die Geschichten von den "Unnerärdischen", wie sie der Großvater zu nennen pflegte, den kleinen Moosmänneln, die bei den Tonlöchern im Waldhauswald wohnten.
     Dorthin gelangt man, wenn man kurz vor dem jetzigen Naherholungs-gebiet Waldhaus von der Scheitallee nach rechts in den Langefichtenweg einbiegt und sich nach rechts in das mit Buschwerk bewachsene Waldgelände begibt. Hier stößt man bald auf eine Anzahl Schürfstellen, die meist mit Wasser gefüllt sind. Das sind die Tonlöcher. Von hier holten sich vor langer Zeit die Greizer Töpfer ihren Ton und brannten daraus eine begehrte Tonware.
     Hier ist also das Reich der "Unnerärdischen", der kleinen Moosmännel. Sie haben schon immer armen Knechten, alten Holzweibern und jungen Beerensammlern manche Wohltat erwiesen. Auch der alte Pfeifers Lieb sollte das einmal erfahren. Sein ganzes Leben lang hatte er einem Pohlitzer Bauer als Knecht gedient, und nun genoß er bei ihm das Gnadenbrot.
     Einmal buddelte er bei den Tonlöchern Stöcke aus. Da hörte er, wie die "Unnerärdischen" Töpferton auf den alten Fichtenstöcken zurechtklopften. Manchmal klang es auch, als täten sie sich an einem kühlen Trunk gütlich. Nun hatte die heiße Sommersonne auch unserm Lieb die Kehle ausgetrocknet, und ihn verlangte nach einem erfrischenden Schluck. Deshalb rief er mehr zum Spaß als im Ernst in den Wald hinein:
"Ich hätt' a mol gern su en guten Tropfen!" Da wurde es plötzlich kirchenstill im Wald, und als sich nichts mehr regte, wandte er sich wieder seinen Stöcken zu. Als der Lieb zum Feierabend sein Werkzeug zusammenpackte, entdeckte er zu seinem großen Erstaunen neben der Feuerstelle einen funkelnagelneuen Tonkrug, der vorher noch nicht dastand. Er war mit so lustigen und bunten Blumen und Vögeln bemalt, daß ihm dünkte, er habe dergleichen noch nie von einer Hökerin auf dem Greizer Topfmarkt feilgeboten gesehen. Und dazu war er noch gefüllt mit würzigem Braunbier, frisch wie vom Faß. Er nahm erst ein Schlückchen, dann einen Schluck und schließlich einen großen Kuhschluck. "Net schlacht", schmunzelte er, "e gut's Gebrei, drvun e ganzes Faß!" Da entdeckte er auf dem Krug einen gar lustigen Spruch:

"Sauf net alles, sinst bleibt 'r leer!
Loß e wingel drinne, nooch hoste mehr!"

     "Ei", denkt da unser Lieb, "willst kä Saufaus sei." Dann leerte er den Krug nicht ganz, verstaute ihn gut mit einem kleinen Rest in seinem Brotsack und machte sich auf den Heimweg.
      Daheim verwahrte er sein Fundstück in seiner Knechtslade und wollte sich die Neige zum Abendbrot schmecken lassen. Jetzt staunte unser Lieb zum zweiten Mal: der Krug war bis oben hin von neuem mit köstlichem Würzbier gefüllt. Das ging nun eine ganze Weile so weiter, Abend für Abend, Woche um Woche. Sooft sich der Lieb an den Tisch setzte, brachte er seinen Krug mit, und stets war er randvoll bis oben hin. Er beherzigte aber auch den spaßigen Spruch und leerte den Krug nie bis auf den Boden.
      Da wunderte sich auch der Großknecht, als der Lieb seinem Durst nichts mehr schuldig blieb, und er hätte gern gewußt, aus welcher Wunderquelle er schöpfe. Nun regte sich bei ihm mit der Neugier auch der Neid. Eines Abends täuschte er Krankheit vor, legte sich ins Bett und spähte unter der Bettdecke hervor, als der Lieb den Krug aus seiner Lade holte. Jetzt wußte der andere, wo Barthel den Most holt.
      Wie einmal die Luft rein war, stahl er dem Lieb den Schlüssel zu seiner Lade, schlich sich in die Kammer und nahm ihm den Krug fort. Dann leerte er ihn bis auf den letzten Tropfen und stellte ihn wieder an seine Stelle. Von Stund an blieb der Krug leer. Sooft auch der Lieb nachschaute, sein alter Wunderkrug war versiegt für immer. "Gab's denn gar nichts, was den armen Lieb wieder zu einem vollen Krug verholfen hätte?" fragte dann traurig die Enkeltochter.
      "Wär ich Lieb gewasen, hätt' ich's gewußt", antwortete der Großvater, und Bauernschläue schaute aus seinen verschmitzten Augen. "Wieder naus geschafft hätt'st du den Wunderkrug, zu den Moosmänneln, Großvater, naus nach Waldhaus, in die Tonlöcher."
 

Rudolf Schramm (Informant: Lina Schramm, aufgenommen 1968)