Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Der "Zerrwanst"

Diese Geschichte ist eine wahre Mohlsdorfer Begebenheit.
 
      Zu Weihnachten hatte ich wieder ein Paar "Holzer" Holzpantoffeln bekommen und als die Feiertage vorbei waren, bin ich in den Schuppen und habe die Absätze um die Hälfte kürzer gemacht. Während der Feiertage konnte ich das ja noch nicht machen, denn wenn Besuch kam, mußte man alles zeigen, was das Christkind gebracht hatte. Da wäre es ja gleich aufgefallen. Wir hatten nämlich in der Rosengasse eine "Ruschelbahn" angelegt und mit neuen Holzern rutschte man nicht sehr weit, weil die scharfen Kanten der hohen Absätze abbremsten. Am Abend war die Ruschelbahn noch mit Wasser begossen worden, damit man am anderen Tag noch besser "ruscheln" konnte. Es wurde eine richtige Eisbahn daraus.
      Ich hatte so richtigen Anlauf genommen; wollte doch auch mal am weitesten kommen; ausgerechnet da passierte es, daß es mir wegen eines hervorstehenden Steines die Beine weg zog. Ich verlor die Balance und landete auf meinen fünf Buchstaben. Mir war die Lust zum Ruscheln vergangen und da ich mich nicht blamieren wollte, sagte ich meinen Freunden, daß ich jetzt nach Hause muß.
      Wie ich so die Rosengasse entlang gehe, fällt mir ein, daß die Ricke, meine Großmutter, heute Geburtstag hat. Ich ging zu ihr und habe ganz artig gratuliert. Ach, wie hat sie sich da gefreut. Neugierig habe ich sie gefragt, was sie denn vom Großvater geschenkt bekommen hat. Sie ging zur Kommode und zeigte mir ein schönes warmes Kopftuch mit langen Fransen. Kurz darauf kam Gette, Großmutters Freundin, und brachte ein Stück Kernseife. Mein Großvater, Wilhelm hat er geheißen, saß vor dem dreistöckigen Ofen auf der Bank und stopfte seine Tabakspfeife, auf die er sehr stolz war, denn die Zierde dieser Pfeife war ein Hirschkopf.
      Meine Großmutter lud zum Kaffeetrinken ein. Dazu gab es ihren selbstgebrannten Korn, natürlich nur für die "großen Leute", und Semmeln mit Bienenhonig. Mir hat es so gut geschmeckt, daß ich einen ganzen Zeil davon verdrückt habe. Komisch, bei der Großmutter schmeckt immer alles besser als zu Hause.
      Als wir fertig waren, fragte ich die Großmutter, ob sie mir eine Geschichte erzählt. "Ja freilich, erzähl' ich dir eine. Hab' ich dir schon die Geschichte von Robert's Zerrwanst erzählt?" "Nein, die hast du mir noch nicht erzählt, aber warte, ich hole erst noch die "Hitsch" die Fußbank". Ich habe mich vor die Großmutter gesetzt, in ihr altes gutes Gesicht geschaut und nun war ich gespannt auf die neue Geschichte.
      Großmutter erzählt: Du kennst doch den Robert, weißt, dem Zimmermann sein Gung. Wo der noch klein war, hat er mal zu Weihnachten einen Zerrwanst bekommen. Robert war nämlich sehr musikalisch. Ach, wie hat er sich da gefreut und von früh bis abends geübt. Es dauerte gar nicht lange und er konnte schon "Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald" spielen. Emil, Robert's Freund, der im gleichen Haus wohnte, wollte auch mal spielen. "Du kannst schon mal spielen, aber du mußt mir einen Apfel dafür geben." Emil holte den Apfel und freute sich, daß er auch mal spielen durfte. Aber Robert's Eltern ging das Genudel auf die Nerven und waren froh, als Emil wieder nach Hause mußte.
      Kurz nach den Feiertagen sind Robert's Eltern bei Bekannten zu Besuch eingeladen, so daß die "Luft rein" war. Auf dem schnellsten Wege holte Robert den Emil. "Komm', jetzt können wir Zerrwanst spielen, uns stört keiner!" Gesagt, getan. "Wie nur die Musik hier raus kommt, das möchte ich gern mal wissen", sagt Emil. "Spiel mal ein bißchen, ich will mal gucken, wie das so alles vor sich geht mit der Musik." Robert setzt sich hin, drückt auf die Tasten, schiebt und zieht den Zerrwanst auseinander und wieder zusammen. Aber wo kommt die Musik denn nun her? "Ich glaube", meint Emil, "die kommt von da drinnen raus! Wir müßten da mal reingucken!" Robert holt eine Schere und nachdem er ein kleines Loch in den Blasebalg geschnitten hatte, schauten beide voller Wißbegier hinein. Da es da drin sehr dunkel war, schnitt Robert das Loch noch größer. "Ach, du meine Güte, Emil, guck' nur da mal rein, da sind alles so goldige Dinger drinnen." Emil bestaunt sich das Wunderwerk. "Nun paß' auf", meint Robert, "du spielst jetzt mal und ich schau', wie das da drinnen funktioniert!" Gesagt, getan. Emil zieht den Balg auf, drückt auf die Tasten und schiebt ihn wieder zu aber es kommt keine Musik heraus. Sie überlegen, ob sie das Loch noch größer machen sollen und Robert sagte, Emil solle doch etwas toller auf die Tasten drücken. Sie rätselten hin und her und konnten gar nicht begreifen, warum jetzt keine Musik mehr aus dem Zerrwanst kam. Wie sie so über alles nachdachten, kamen Roberts Eltern zurück. Robert sagte gleich zum Vater: "Guck' doch mal. Ich habe vorhin noch gespielt und jetzt kommt kein Ton mehr heraus!" Der Vater nimmt den Zerrwanst und probiert. "Ach, du meine Güte, was ist denn das? Ihr Lausbuben, ihr verflixten, was habt ihr denn da gemacht?" Er zeigt auf das Loch. Emil ahnt nichts Gutes und verdrückt sich. Robert aber machte Bekanntschaft mit der "Neunschwänzigen" und was er dabei für "Musik" machte, kannst du dir vielleicht denken.
      Großmutter sah mich an: "Siehst du, mein Junge, so ist es, wenn man gar zu neugierig ist. Geh' jetzt nach Hause, sonst wird es zu spät und dein Vater läßt dich auch "Musik" machen!"