Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Paul und Pauline


      In meinem Heimatort Mohlsdorf lebten Verwandte meines Vaters. Sehr gerne besuchte ich im oberen Teil des Dorfes das kleine Bauerngut und seine Bewohner: meine Großtante Pauline und Großonkel Paul. Ein verwunschenes, etwas einsames Gehöft, begrenzt von Feldern. Öffnete ich die große Hoftür, so bellte sehr intensiv der Hofhund, der in einem Zwinger und manchmal auch an einer Kette war. Ich sollte immer vorsichtig schauen, sagten Paul und Pauline, ob er auch im Zwinger wäre. Er war sicher sehr bissig, und ich ein ängstliches Mädchen.
      Geradeaus empfing mich das große Wohnhaus, ein Fachwerkhaus und so schön altertümlich mit seiner Inneneinrichtung. Im Vorraum hingen viele alte blankgeputzte kupferne Gefäße. Da wurde früher sicher alles selbst hergestellt, wie Butter u.a.
      Ich lernte Paul und Pauline als altes Ehepaar kennen, die sich freuten, wenn ein kleines Mädchen begierig ihren Erzählungen von früher lauschte. Die große Bauernstube war das Herzstück des Hauses. Eingerichtet mit einem mehrstöckigen eisernen Ofen, wo Großonkel Paul Wasser aus einem eingelassenen Gefäß schöpfte und sich das Gesicht sorgfältig wusch, wenn er am Sonnabend zum Skatabend in das benachbarte Wirtshaus ging. Auf der Ofenbank saß er viel. In einer Fensternische, eine Art Butzenfenster, geschmückt mit Blumenpflanzen und Blick zum Küchengarten, war eine bequeme Eckbank und ein großer gedrechselter Tisch, wo gegessen, erzählt und gearbeitet wurde. Rechts vom Eingang das alte Küchenbüfett und links die Tür zur "guten Stube", die nie geheizt wurde, nur zu Weihnachten und besonderen Festlichkeiten. Im oberen Stockwerk war das Schlafzimmer und die Gesindekammern. Da war ich leider nie, und dachte mir die Etage aus.
      Im Wohnhaus waren viele Gelasse, da gab es auch Eßbares für ein hungriges Kind nach dem Krieg. Eier und Milch holte ich für Zuhause.
      Zum Gehöft gehörte ein Kuhstall mit mehreren Kühen, da schaute ich manchmal beim Melken zu, wenn das die Tochter Elsa, meine Patentante, machte. Sie wohnte eigentlich mit ihrer Familie in Fraureuth, aber mit dem Fahrrad fuhr sie zur Arbeit ins elterliche Gut. Auf der rechten Torseite waren Schuppen und große Gebäude, wahrscheinlich Getreidespeicher. Auch Pferdewagen standen da. Der Garten war so idyllisch wild, mit Blumen bewachsen und Gemüse für die tägliche Küche.
      Zum Gehöft gehörten natürlich Felder. Aber eigentlich ging ich nur wegen der beiden Menschen in das verwunschene Gut. Sie hatten einen Sohn, der im Krieg gefallen war, von dem sie viel erzählten, Fotos zeigten.
      Paul und Pauline, ein rührendes Pärchen, das sich von der dörflichen Langweiligkeit der Bewohner abhob.
      Am großen Tisch aß ich mit ihnen aus einer großen runden Schüssel und erzählte ihnen von meinen Erlebnissen. Wenn ich nach Hause ging, vorsichtig am Zwinger des Hofhundes vorbei, verarbeitete ich die erlebten Stunden in meinen Büchern, die ich las und träumte von dem Gut mit dem großen Kastanienbaum.

Waltraud Friederike Rauh geb. Brenner