Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Kindermädchen


      Heute, nach fünfzig Jahren, sehe ich noch das Haus, die Wohnung, den Garten, die Bewohner in ihren Bewegungen vor mir.
 
      Das einzige Textilgeschäft Mohlsdorfs, das Modehaus Jung, verkaufte, glaube ich auch noch nach dem Krieg. Sicher nur kurz, in meine Erinnerungszeit als junges Mädchen, gab es dieses nicht mehr. Das ältere Ehepaar Marie und Hugo, hatten einen Sohn, einen Architekten, verheiratet und mit Baby und einer Tochter, die in Greiz tätig war. Der Sohn und seine Frau bauten sich im Westen eine Existenz auf, das Baby Annemarie kam nun zeitweise in den Osten, zu den Großeltern. Irgendwann wurde ich auserwählt, die kleine Annemarie auszufahren, mit einem schicken Kinderwagen aus dem Westen. So gewöhnte ich mich in die Jung-Familie ein. Mit meinen zwölf Jahren festigte sich das Interesse für Kinder, für meinen späteren Beruf. Die Begleitung des Babys, des Krabbelkindes im Haus, in den Garten der Kleingartenanlage, nach Waldhaus zu der Großtante, der Försterfrau, immer nur als Begleitung, die Hauptarbeit und die Regie hatte Marie, die Oma. Wenn es Annemarie langweilig wurde, sang ich ihr Liedchen vor, das Weinen hörte auf. Kleine Spiele, die ich mir ausdachte oder die ich aus Erinnerungen kannte, sie verzauberten das kleine Mädchen. Manchmal kam Annemaries Mutter zu Besuch, sie behandelte mich so freundlich, beschenkte mich, fotografierte mich mit Annemarie auf den Spaziergängen. Die Familie Jung lebte sehr gesund, ernährte sich mit frischem Gemüse und Obst, achtete auf Sauberkeit und sie gingen, glaube ich, kaum oder nie zum Arzt. Sie gehörten der "Christlichen Wissenschaft" an. Zu der Familie ging ich gern, nicht nur wegen meines "Kinderdienstes", auch wegen der Unterhaltung mit den beiden Alten. Besonders begeisterte mich Schulmädchen die Bewirtung nach dem "Dienst" im Wohnzimmer. Auf dem Eßtisch tafelte mir Marie die herrlichsten selbstgebackenen Kekse auf und servierte mir Wein. Ja, Wein, mir Schulkind, darauf war ich stolz und immer das gut vertragend, träumte ich nach Hause.

Waltraud Friederike Rauh geb. Brenner