Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Das Drachengeld

     Vor einem Bauernhause zu Herrmannsgrün sah einmal ein kleines Mädchen etwas liegen, das blitzte und funkelte in der Sonne als wäre es ein Goldstück, das nahm das Kind auf und tat es stillschweigend in seine Sparbüchse im Glasschrank. So oft aber das Mädchen an dem Bauernhause vorbeikam, lag immer wieder an derselben Stelle ein solches Geldstück, das es zu den anderen in seine Sparbüchse tat.
     Einmal nun, als die Kleine nicht daheim war, brauchte die Großmutter Geld, um etwas zu bezahlen, und ging an den Glasschrank, um von ihrem Gelde aus ihrer Tasse zu tun. Es langte aber nicht zu, und da wollte sie aus der Sparbüchse des Kindes das Fehlende entnehmen. Wie erschrak sie aber, als sie in derselben die fremden, blanken Geldstücke sah! Sie glaubte nicht anders, als das Mädchen sei unrechtmäßig in den Besitz derselben gekommen, und als das Kind nach Hause kam, forschte sie eindringlich, wo es dieselben her habe und erfuhr nun, dass sie vor dem Bauerngute gefunden worden waren.
     Es wusste aber jedermann im Dorfe, die Bäuerin in diesem Gute sei nicht aus reiner Haut geschnitzt, darum durfte das Kind das Geld auch nicht behalten, sondern mußte sich dafür Schulbücher und Kleider kaufen. So oft es aber fortan an dem Bauernhause vorüberging, fand es vor demselben kein Geld mehr.
     Als es aus der Schule kam, sollte es zu anderen Leuten in den Dienst getan werden. Da fragte einmal die Bauersfrau des Kindes Mutter, ob sie schon einen Dienst für ihre Kleine habe, und als diese verneinte, bot sie einen solchen bei sich in der Wirtschaft an. "Wenn sie zu euch ziehen mag", erwiderte die Frau, "so habe ich nicht dagegen", und als sie das Mädchen fragte, war diese einverstanden und kam so als Magd zu der Bäuerin in den Dienst.
     Da gab es nun zu tun von morgens früh bis abends spät, und vor Müdigkeit fiel sie fast um und sehnte sich nach dem Bette. Aber wenn sie sich kaum zugedeckt hatte, deuchte es ihr immer, als höre sie im Hause Geld zählen. Darüber konnte sie nicht einschlafen, war morgens noch schläfrig, und als die Bäuerin sie deshalb einmal auszankte, sagte sie ihr, das Klimpern mit dem Gelde lasse sie nicht zum Schlafe kommen.
     Da erschrak die Bäuerin nicht wenig, weil das Mädchen davon wußte, aber sie tat ganz gleichgültig und entgegnete scheltend: "Du einfältig Ding bist nun doch schon lange genug im Hause und könntest nachgerade bald wissen, dass mein Mann Geld einnimmt und ich nachzählen muss, ob auch alles stimmt! Kümmere dich um deine Arbeit und schlaf, wenn du in's Bett steigst!" Damit mußte das Mädchen sich zufrieden geben, und es hörte auch fortan nicht wieder Geld zählen, wenn es im Bette lag.
Nun waren einmal die Bauersleute ausgegangen und die Magd blieb ganz allein zu Hause.      Da ging sie während der Dämmerung in den Stall, um das Vieh zu versorgen, und als sie über die Tenne ging, sah sie ganz dicht vor ihren Füßen ein großes, blankes Geldstück liegen, das wie eine Kohle zu glühen schien. Sie bückte sich danach um es aufzuheben. Aber da schnellte es wie ein Fisch zur Höhe, ein ganzes Stück zur Seite und blieb unter einem Wagen liegen, wo es ganz hell wie ein Stern funkelte. Da kroch die Magd ein Stück unter den Wagen, um es zu erlangen, aber es sprang abermals zur Höhe und fiel diesmal in der Ecke klirrend zu Boden.
     Voller Begierde nach dem Besitz dieses seltsamen Geldstückes griff nun die Magd nach einem Stecken, der an der Wand lehnte, um es mit demselben an sich heranzubringen. Da war es mit einem Male verschwunden, und enttäuscht über den mißlungenen Versuch warf sie den Stecken zornig von sich und verließ mißmutig den Raum, wo sie genarrt worden war. Als sie jedoch ihren Fuß über die Schwelle setzen wollte, war es ihr, als empfing sie einen heftigen Stoß in der Seite, der sie zu Boden warf, und zugleich hörte sie ganz vernehmlich aus der Gegend der Tenne, wo das Geldstück verschwunden war, ein Klirren, als ob - klapp, klapp - eine Reihe blanker Taler aufeinander fielen. Nun mochte sie nicht länger auf dem Bauernhofe bleiben, kündigte und verließ den Dienst.
     Die Bauersleute hatten aber einen Sohn, der hatte die Magd lieb, und als nach Jahr und Tag die Alten sich zur Ruhe auf den Altenteil setzten, da machte er Hochzeit mit ihr und holte sie nun als Bäuerin auf den Hof. Da starb der alte Bauer und die Bäuerin mied alle Welt, hütete ihre Kisten und Kasten und verschloß sie auf das Sorgfältigste, daß kein Mensch dazu kommen konnte. Aber bei Nacht, wenn alle Menschen schliefen, erhob sie sich sachte von ihrem Lager, zündete eine Zimmerlampe an, verhängte die Fenster, verschloss die Türen und verstopfte die Schlüssellöcher, öffnete die Schiebladen und Kisten und klimperte und sprach laut mit ihrem Gelde, als ob es eine Seele hätte. So trieb sie es Nacht für Nacht, bis auch ihre Stunde kommen und sie sterben sollte.
     Aber das Scheiden von ihrem Gelde wurde ihr schwer. Sie konnte weder Ruhe noch Trost finden. Da sprach ihr Sohn ihr tröstlich zu und wollte ihr den Pfarrer holen. Sie weigerte sich aber dessen, wehrte heftig ab und rief angstvoll: "Siehst du denn den schwarzen Vogel nicht dort auf dem Ofen sitzen, der mir keine Ruhe gönnt?" Und als nun der Sohn und die junge Bäuerin ihre Blicke nach der Höhe des Ofens richteten, saß da in sich zusammengekauert ein kohlschwarzer Rabe so gleichgültig, als könnte er nichts Arges sinnen. Er sah aber der sterbenden Alten unverwandt und starr in die brechenden Augen, die sich nicht schließen wollten, sondern sich immer wieder nach ihm lenken mußten, und ob man ihn auch zu verscheuchen suchte, er rückte und rührte sich nicht vom Platze.
     Nach langer Angst und Todesqual starb endlich die Frau, und ihre Kinder wollten nun das Sterbezimmer verlassen. Da flog der Rabe vom Ofen herab auf die Brust der toten Bäuerin, und alles, was an ihm war, sein Gefieder, seine Füße, seine Augen, sein Schnabel, wurde jetzt rot und immer röter, so dass er einem feurigen Vogel glich.
     Er ließ sich nicht verjagen, und als endlich die Angehörigen entsetzt das Zimmer verließen, um die Totenfrau zu holen, zerhackte der Vogel die Brust der toten Frau bis ans Herz.
     Das fraß er auf. Als dann die Totenfrau kam, flog er fort unter den Ofen, wo er tat, als ob er dort heimisch wäre.
Die Leiche wurde nun in den Sarg gelegt und das Leichentuch darüber gebreitet. Da kam auch der Rabe wieder aus seinem Versteck hervor, setzte sich auf den Sarg, als ob, was drinnen lag, ihm gehöre, und blieb darauf so lange sitzen, bis die Träger kamen und ihn zum Hause hinaustrugen.
     Erst als die Tote über die Schwelle gehoben wurde, verschwand er, und niemand konnte sagen, wo er geblieben.
     In dem Zimmer aber, in welchem die Bäuerin gehaust hatte und gestorben war, wurde nach ihrem Tode des Nachts das Oberste zu unterst gekehrt, und im Schlafzimmer der jungen Bauersleute gab es nächtlicherweile ein Geräusch, als ob ein Bündel Stroh an den Betten entlang streiche. Das hörte und hörte nicht auf und versetzte die Leute in Angst und Unruhe, bis sie zuletzt ihre Zuflucht zum Ortspfarrer nahmen. Der kam eines Abends auf den Bauernhof, ging in das Sterbezimmer, zog ein Buch aus der Tasche und legte es aufgeschlagen auf den Tisch. "Lasset es unberührt liegen", sprach er zu den Leuten. "Es kann sein, dass ihr diese Nacht noch keine Ruhe bekommt. Bleibt das Buch bis morgen früh aufgeschlagen auf der Stelle liegen, so hat es diese Nacht das letzte Mal in eurem Hause euch beängstigt.
Liegt es aber morgen früh heruntergeworfen auf dem Fußboden, so hat es noch nicht ausgetobt, und wir müssen dann ein anderes Mittel versuchen. Auf jeden Fall müßt ihr mir das Buch, wo ihr es auch finden möget, morgen früh zurück in die Pfarre bringen."
     Das Zimmer wurde nun verschlossen, der Pfarrer entfernte sich, und die Bauersleute gingen zu Bett. Da brach um Mitternacht im Sterbezimmer ein Getöse aus, als ob die Kisten und Kasten zerbrochen würden. Dann klirrte es, als wenn das Geld scheffelweise zusammengeschüttet, die Fenster zertrümmert und Hab und Gut zum Fenster hinausgeworfen würden.
     Alles das dauerte aber bloß eine kurze Weile. Dann gab es einen kurz abgerissenen, donnerstarken Krach und darauf trat tiefste Stille ein.
     Am Morgen lag das Buch noch aufgeschlagen so auf dem Tisch, wie es der Pfarrer hingelegt hatte. Alle Türen und Laden aber waren geöffnet und weit herausgezogen und leer bis auf den Boden, gerade so, als ob die tote Bäuerin ihr Lebtag ein bettelarmes Weib gewesen wäre und niemals Geld scheffelweise gezählt und gehütet hätte.
 

Aus "Sagen des Greizer Reußenlandes" von Hans Stockmann