Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Eine Roßkur


      Die heimatliche Fauna weiß von einem Vielfraß zu berichten, der wohnte vor fast 100 Jahren in einem Nachbarort von Gottesgrün. Hansgerg hat ihn sein Weib Christliebe gerufen, und er war ein biederer Leineweber. In jener Zeit gehörte es gleichsam zum Prestige eines auf Ansehen und Geltung in der Öffentlichkeit bedachten jungen Mannes, wenn er seine Mannesstärke durch Vertilgen von Mahlzeiten gigantischen Ausmaßes beweisen kann.
 
      Eine solche Gelegenheit bot sich unserem Hansgerg eines Tages vor Weihnachten, als er im Dorfe zum Schlachtfest eingeladen war. Dort fröhnte er der alten vogtländischen Redensart: " `s wird neigehiem, deß dr klänste Darm wird wie de greßte Strumpfsock".
 
      Nachts gings dem Hansgerg im Bauch herum wie in einem Spülichfaß, so daß sich der Ärmste auf seinem Lager vor Schmerzen wälzte.
 
      " Wos hoste denn alles gassen?" forschte da sein besorgtes Weib. "Erscht gob´s paar Floden Wallfläsch, noch frische Laberworscht un Brotworschttäg, vun jeden e gut`s Pfund, un omst griene Kleeß mit Schweinsknochen un Meerrettich", stöhnte der Bejammernswerte. "Nu, do warschte dein` Moong kä Stiefkind." "Kamst mrsch glaam, Christliebe, ich hob`s bluß of zweeunzwanzig Stück gebracht", versicherte Hansgerg mit Leichenbittermiene. Wie sie ihren Vielfraß kannte, war das für ihn keine Rekordleistung. Als auch kalte Umschläge und ein Topf Pfefferminztee keine Verbesserung verschafften, mußte der Junge den Doktor holen. Der erkannte gleich die Krankheit als Fresseritis gigantus im höchsten Stadium in Verbindung mit Verstopfung und verschrieb "Därrband" zum Auflegen auf den Leib.
      Was tat nun seine Christliebe? Sie kochte das Därrbandpflaster zu einem dicken, zähen Brei und gab es ihrem Patienten zum Einnehmen.
"Racht schie warm mußt d`s schlucken", ermunterte sie ihn. Als er die ganze Portion Löffel um Löffel geduldig geschluckt hatte, machte sich der gemarterte Leib vorn und hinten Luft mit aller Macht, daß der Ärmste glaubte, sein letztes Stündchen habe geschlagen.
 
      Als der Doktor am anderen Tag nach seinem Patienten schaute, staunte er nicht wenig über seinen Vielfraß, der schon wieder über einer Riesenportion "Ardepfelbrei" saß und sich`s schmecken ließ. "Herr Doktor", strahlte da die Christliebe, "ihr Zeig hot glei ageschloong. Wie `r die dicke Schlammpampe neigassenhot, do hot sich sei vergorkster Moung glei Luft geschafft."
      Der Doktor schüttelte verwundert den Kopf und soll in sein Tagebuch ein neues Rezept geschrieben haben: "Wer unter Völlegefühl und Stuhlverstopfung leidet, nehme gekochtes Därrbandpflaster ein."

Nach alten Überlieferungen aufgezeichnet von Rudolf Schramm
Quelle: Ortschronik Mohlsdorf