Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Die Silvesternacht anno 1633 in der Neudeckmühle


      Düster und schwer, wie das Jahr 1633 begann, neigte es sich seinem Ende zu. Elend, Seuche und Not verbreitend, lasten auf Deutschland die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges. Er verschonte niemanden und ließ keine Gegend unberührt, forderte von den Städten wie vom abgelegensten Dorf Opfer an Gut und Leben.
      Lag da tief versteckt im sächsisch-reußischen Grenzwald des Greizer Landes die alte Neudeckmühle unweit des Dorfes Reudnitz breit und behäbig am Waldbach und am Mühlteich, deren Wasser die wuchtigen Räder drehten, die ächzend und dröhnend das Mahl- und Sägewerk trieben. Freilich, in diesen schlimmen Zeiten klapperte die Neudeckmühle nur selten; denn kein Bauer wagte seinen Acker zu bestellen, und das Korn war längst rar geworden. Unheimlich still war es oft in der alten Mühle, und nur selten zog ein Wandersmann vorüber, der, wenn er Einkehr hielt, aus der großen weiten Welt zu berichten wußte.
      Auch auf dem alten Neudeckmüller und seiner Familie lastet der Druck des schier endlosen Krieges. Jobst und Thomas, die beiden jüngsten Söhne, waren dem werbenden Trommelschlag der Landsknechte gefolgt. Seit drei Jahren hatte man keine Kunde mehr von ihnen erhalten. Der Älteste hatte vor einem Jahr die Tochter eines benachbarten Windmüller als junge Müllerin heimgeführt. Es lebten dann noch die beiden Töchter im Hause. Ihr Leben war freilich arm an den Freuden der Jugend, denn es regierte der Krieg, so lange sie denken konnten, und es gab keine Hoffnung, dass er einmal ende.
      So zog wolkenverhangen der Silvestertag des Jahres 1633 herauf. Bei Anbruch des kalten Wintermorgens ging der Sohn des Neudeckmüllers mit den beiden Mühlburschen Hans Michel und Mathes Puscher aus dem nahen Reudnitz in den Wald, um Langholz für die Mühle zu fahren. Auf dem Heimweg kehrten sie zu einer kurzer Rast in der kleinen Waldschenke am Kreuzweg ein, die heute unter dem Namen Bildhaus bekannt ist. Hier stärkten sie sich mit Speis und Trank und horchten Förster und Waldknechte aus, was es Neues gäbe vom Krieg und vom Lauf der Welt. Nichts Erfreuliches war es, was es zu hören da gab, und schon rüsteten die Fuhrleute zum Aufbruch, als ein Jäger aus dem Greizer Wald die Wirtsstube betrat und die Schreckenskunde brachte: Ein Haufen wilder Holkscher Reiter ziehe durch die reußischen und sächsischen Wälder, um sich nach Zwickau durchzuschlagen. Es gab keine schlimmere Kunde, denn die Reiter des Grafen Holk waren gefürchtet wie die Pest.
      Schweigen lastete nach dieser Kunde in der verräucherten Wirtsstube, das jäh zerrissen wurde von den harten Tritten der eilig aufbrechenden Fuhrleute, die es heim trieb in die Neudeckmühle, um Haus und Hof vor der heranziehenden Schar zu sichern.
      Von weitem schon sahen sie den Müller vor dem Tor stehen, den Blick über die verschneiten Felder gerichtet. Die Schreckensbotschaft riß ihn aus seiner Besinnlichkeit, jagte die Leute in der Mühle auf, die in Hast das Vieh durch den Schnee in den sichereren Winterwald trieben und die geringe Habe, die ihnen der Krieg gelassen hatte, an versteckte Plätze verbargen. Der Müller richtete alles zur Verteidigung her; denn die Menschen jener Zeit waren nicht gewillt, ihr Leben billig zu verkaufen, wenn es hart auf hart gehen sollte. Die Frauen gingen den Männern tüchtig zur Hand und zogen sich in die auf der Hofseite liegende Kammer zurück. Die Männer wachten in der großen Wohnstube, die nach dem Mühlenweg zu lag. Sie scharten sich um den großen Kachelofen, dessen loderndes Feuer gespenstig Schatten auf die blankgescheuerten Dielen warf, und langsam kamen die Worte von den furchtbaren Mordbrennereien dieses schrecklichen Krieges über die Lippen des Müllers:
      "Im August haben sie in Reudnitz den Bauer Hans Hupfer erschlagen und sein Gut verwüstet", brummte der alte Müller mit müder Stimme vor sich hin. "Wer weiß, was aus uns noch wird?" Noch ehe einer der Jungen antworten konnte, schlug der Wachhund an. Eilig sprang der Sohn auf und lief ans Fenster. Hufgestampfe klang an sein Ohr und das Klirren von Eisen. Als sich dann seine Augen an das Dunkel der Dezembernacht gewöhnt hatten, sah er sieben Reiter vor dem Tor, unter ihnen einen Kornett, der im Fluchen und Schimpfen den anderen voraus war. Sie hatten einen langen Ritt durch das Schneegestöber hinter sich und waren nicht willens, noch länger zu reiten. Konnte es da ein willkommeneres Quartier geben als diese alte Mühle? Sie schickten sich an, das Tor einzurennen, doch der alte Müller kam ihnen zuvor und öffnete. Die Burschen führten die Pferde in den Stall, und die Reiter drängten den Alten ungestüm zur Seite stoßend in die Stube. Der Müller, den jeder gewaltsame Widerstand sinnlos erschien, trug auf, was Küche und Keller noch zu bieten vermochten. Dann sann er einen Plan aus, wie er die ungebetenen Gäste wieder los werden könnte. Die stürzten sich gierig auf Speis und Trank und sprachen, mehr als gut tat, dem starken Bier zu.
      Währenddessen beriet der Müller mit seinen Gesellen draußen auf dem Hof und schickte dann die beiden Burschen mit Flinten unbemerkt in den Wald. Bald begann dann auch, wie verabredet, ein tolles Schießen, das sich der Mühle immer mehr näherte. Die Reiter, trunken vom schweren Bier, taumelten empor und schrien nach dem Alten. Sie kannten die Sprache der Büchsen zu gut, und der Müller schürte mit ängstlichen Gebärden die Angst vor vermeintlicher Gefahr, die sich der Mühle zu nähern schien. Wie der Blitz waren die Reiter bei den Pferden und saßen auf. Schneidend fuhr die Kälte durch ihre eben erst erwärmten Glieder, doch das Schießen trieb sie voran. Noch konnte ihnen der Müller nachrufen: "Rasch, nehmt den Weg durch den Wald!" Da fielen die Pferde schon in Galopp, und die Nacht nahm die sieben Holkschen Reiter auf, die von zwei Mühlburschen mit wütendem Schießen in die Flucht getrieben wurden.
      Die beiden Burschen schickten noch eine Weile ihre Kugeln den flüchtenden Reitern nach, die auf dem ihnen vom Müller gewiesenen Weg zu entkommen versuchten.
      Es wurde für sie ein Ritt in den Tod. Doch das wußten vorerst nur der Müller und seine Gesellen, bis die Pferde der Holkschen in den Sumpf gerieten, der den Wald hinter der Mühle unpassierbar machte und niemals zufror. Wohl versuchten die Reiter beim Erkennen der tödlichen Gefahr zu wenden, aber da war es zu spät. Das Moor gab keinen frei!

Nach Frz. Reber /R.Schramm