Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Das Zigeunergrab


      Die Liebe eines jungen Zigeuners zu einem Mädchen aus der Lüneburger Heide und sein großes Herzeleid durch den Tod der jungen Frau.
      Am Rande des Waldes liegt das idyllische Dörflein Mohlsdorf. Auf der ansteigenden Höhe und von allen Seiten sichtbar, steht das rote Kirchlein inmitten des Friedhofs, wie aus der Spielzeugschachtel hingestellt.
Mitte der 30er Jahre ging ich auf dem Weg zur Schrebergartenanlage das erste Mal über diesen Friedhof. An einigen Ruhestätten blieb ich stehen, dabei stieß ich an ein Grab an der Hecke der Umzäunung, welches mein Interesse erweckte. Es war mit Steinen eingefasst und mit einer Platte abgedeckt. Eingraviert der Name einer jungen Frau.
                    Regina Pohl
           * 1900           +1922
und am Fußende der Platte stand geschrieben:
          " Wär ich geblieben in meiner Heiden,
          hätt nichts gewußt von allen Leiden "
 
      Eine mir bekannte alte Frau, die in einem Haus am großen Dorfteich mit Dorfanger wohnte, fragte ich, ob sie von diesem Grab wüsste. Sie konnte mir alles ausführlich erzählen, denn sie hatte es miterlebt.
      Im Sommer 1922 näherten sich Zigeunerwagen dem Dorf. Die Einwohner waren schon von Haus zu Haus gewarnt: " Zigeuner kommen ! " Auf dem Platz vor dem Dorfteich hielten sie an, machten aber gar nicht den üblichen Eindruck umherziehender Zigeuner. Alles wirkte gepflegt, und es war sehr still. Ein älterer und ein ganz junger, bildschöner Zigeuner gingen zum Bürgermeister und baten um einige Tage Aufenthalt in diesem Ort, da die Frau des jungen Mannes schwer erkrankt sei. Und so kam es, dass sie vor dem Herrmannsgrüner Gasthof ihr Quartier aufschlugen.
      Sie spielten und sangen oft für die Bevölkerung. Unter ihnen eine hübsche 25-jährige Frau, die leider sehr krank war. Viel bewundert wurde sie durch ihr ausgezeichnetes Harfenspiel.
      Um die Wagenkolonne herum ging es unheimlich schweigsam zu, aber jeden Tag hing blütenweiße Wäsche auf der Leine. Inzwischen hatte es sich herumgesprochen, es sollten sehr reiche Leute sein.
      Nach wenigen Tagen verstarb die junge Frau, sie hatte Lungen-tuberkulose, man sagte damals die Schwindsucht.
      Die junge Frau hatte aus der Lüneburger Heide aus bester Familie gestammt. Sie verliebte sich unrettbar in den jungen sympathischen Zigeuner und zog mit ihm, gegen den Willen ihrer Eltern, fort, die sie daraufhin verstießen. Darüber grämte sie sich sehr.
      Über den Tod seiner heißgeliebten, jungen Frau war der junge Mann untröstlich. Die Beerdigung wurde mit allen nur möglichen Ehrungen eingeleitet, und das Streichorchester der naheliegenden Stadt Greiz mußte spielen.
      Der junge Mann bat, ja keine Fehler zu machen - "das konnte sie nicht leiden".
      Zur Beerdigung war der Friedhof von herbeigeeilten Zigeunern und neugierigen Dorfbewohnern überfüllt. Der junge Mann und seine Mutter, aber auch alle anderen, zur Sippe Gehörenden, waren untröstlich in ihrem Herzeleid, und die gesamte Trauergemeinde weinte mit. Eßbesteck, Teller und Tasse der Verstorbenen sah man am Tag nach der Beerdigung eine Zigeunerin in den Dorfteich werfen.
      Nachdem der Steinmetz die letzte Ruhestätte der jungen Zigeunerfrau mit dem Gedenkstein verschlossen hatte, zog die Zigeunerkolonne weiter.
      Oft, wenn ich in das Dorf kam, versäumte ich nicht, über den Friedhof zu gehen, verweilte dann kurze Zeit am Zigeunergrab und hing meinen Gedanken über deren Liebe und Leid nach. Manchmal fand ich auch ein paar Blumen hingestellt, mit denen irgend eine gute Seele das Grab schmückte und belebte.
      Die damalige Heimbürgin des Dorfes hatte die Verstorbene zur letzten Ruhe gebettet und dann ganz sicher auch von der außergewöhnlichen Beerdigung erzählt.
      Jahrzehnte später kaufte sich die Nachfolgerin diesen Grabplatz, angeblich, um zu wissen, wo sie einmal ruhen würde. Aber ihre Gedanken gingen eigene Wege. In der Dämmerung öffnete sie zusammen mit ihrem Sohn das Grab. Sie hoben den Sarg heraus, er war aus Zinn und in bestem Zustand und brachten ihn in ihr abgelegenes Haus. In der Nähe des Friedhofs wohnende Einwohner bemerkten dies, und so erfuhr der Pfarrer der Gemeinde davon. Er ging zu der Frau, um ihr klarzumachen, dass sie Unerlaubtes getan hatte. Das Grab durfte von ihr nicht geöffnet werden, sondern nur von der Kirchgemeinde. Sie versicherte, es seien nur noch wenige Überreste und ein paar Spänglein dringewesen, was sie vergraben hätte. Der Sarg musste zurück zum Friedhof, wo entschieden wurde, was mit ihm geschehen sollte.
      Ich ging noch einmal an die Grabstelle. Verstreut lagen die umgekippten Grabsteine herum, und der Friedhof hatte für mich viel von seiner Romantik verloren.

2002 Aufgeschrieben von Ruth Knüpfer , ergänzt durch Notizen von Gotthold Leber (1983 übernommen) und Else Schmelzer, geb. Haase (2002)
Eine wahre Begebenheit, die nun zu einer Sage wird.