Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Des Otternkönigs Hochzeitsgabe


      In einem nahe der thüringischen Grenze zu Sachsen gelegenen Dorf hatte einst eine arme Bauernmagd beobachtet, wie eine Otter sich regelmäßig zur Melkzeit im Kuhstall einstellte und sich an der frischen, warmen Milch labte, die die Melkerin in Milchnäpfen gesammelt und abgestellt hatte. So sehr die Magd der Hausotter die alltägliche Nahrung gönnte, so wenig konnte sie die immerwährende heimliche Milchnascherei dulden. Daher stellte sie der Otter einen besonderen Napf bereit und spendete ihr regelmäßig während einer ganzen Reihe von Jahren eine Milchgabe, die die Otter auch annahm. Und so entwickelte sich im Laufe der Zeit ein freundschaftliches Verhältnis zwischen der Hausotter und der tierliebenden, gutherzigen Magd.
      Als die Magd nun Hochzeit feierte, kam die Otter - so lang wie ein Rechenstiel - plötzlich in die Hochzeitsstube gekrochen. Die Gäste waren darüber nicht wenig erschrocken und sprangen, von Angst und Schrecken gepackt, auf Stühle und Bänke, andere suchten ihr Heil in der Flucht. Die Braut aber erkannte sogleich ihre alte Bekannte wieder, lief ihr freudig entgegen und begrüßte sie zum Entsetzen der Hochzeitsgäste mit freund-lichen Worten. Als es die Braut geschehen ließ, daß die Otter sogar auf ihren Schoß kroch und sich zutraulich wie ein Kätzchen liebkosen ließ, war bei den Gästen der Schreck einem bewundernden Staunen gewichen. Nachdem die Otter nach einer Weile das Zimmer wieder verlassen und die Braut sich vom Stuhl erhoben hatte, fiel etwas von ihrem Schoß klirrend auf den Boden. Es war zum Entzücken der Anwesenden ein aufs zierlichste, von Meisterhand gearbeitetes goldenes Krönchen von unschätzbarem Wert.
      Als bald darauf der Sachsenkönig August der Starke von dem Geschenk erfuhr, wandelte ihn die Lust an, das kostbare Kleinod für sein Schmuckkabinett zu erwerben. So verlockend das Angebot war, die Junge, keineswegs mit Reichtum gesegnete Frau sträubte sich lange Zeit, dem Begehren des prunksüchtigen Königs nachzukommen. Sie brachte es nicht übers Herz, sich von dem Hochzeitsgeschenk zu trennen, das ihr von der Hausotter aus Dankbarkeit für ihre jahrelang erwiesene Mildtätigkeit dargebracht worden war.
      Erst als der König das Angebot machte, ihr ein Rittergut für das Schlangenkrönlein zu geben, willigte sie in den Tausch ein und kam nun zu Glück und Wohlstand. Im Grünen Gewölbe zu Dresden aber wird ein goldenes Ei aufbewahrt, in dem man beim Öffnen eine kleine goldene, mit Diamanten und Perlen besetzte Krone findet. Das soll die Krone des Otternkönigs sein.