Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Die neugierige Magd


      In früherer Zeit war der Knock, der sich nördlich des heutigen Greizer Ortsteils Raasdorf erstreckt, noch mit dichtem Wald bedeckt. Wenn sich um die Jahreswende während der langen Unternächte droben im Knockwald ein wilder Lärm erhob und sich immer stärker und bedrohlicher dem Dorf näherte, wußten die Raasdorfer: der Wilde Jäger tobt über die Flur, und jeder suchte seine sichere Behausung auf. Das Wilde Gejagd stürmte mit Hollajo! Halloje! den Knockweg herunter, zog oberhalb der "Höll" vorbei und verschwand schließlich oben am südlichen Rand des Kullichwaldes.
      Hier lag dazumal einsam und abgesondert vom Dorf das Kullichgut des Bauern Märten Golda. Zitternd vor Angst lauschten dann die Bewohner dem schaurigen Gebell einer zu Hunderten zählenden Hundemeute. Bald stürmte auch die Wilde Jagd zum Straßentor herein, raste über den Gutshof und verschwand durch das hintere Tor im nahen Kullichwald, Während des schauerlichen Durchzuges hielten sich der Bauer und seine Familie mit dem Gesinde verborgen. Man wußte gar gruselige Dinge zu erzählen: der Wilde Jäger führe den Zug an, sei von großer, schauriger Gestalt, ohne Kopf und knalle wild mit der Peitsche.
      Einmal plagte die Neugier die stattliche Dienstmagd des Kullichbauern, von allen die "Res" genannt, einmal Zeuge jenes nächtlichen Schauspiels zu werden. Beherzt und unerschrocken schaute sie vom Dachfenster des Oberbodens aus dem höllischen Treiben zu. Sie hatte sogar den Mut, den wilden Jagdruf des Wilden Jägers aus Leibeskräften mitzuschreien. Mit "Hollahe! Hollaho! He, he!" feuerte sie den wilden Spuk an und verkroch sich dann rasch in ihr Bett, bis alles vorbei war. Am anderen Morgen. als die Magd die Küche betrat, um das Herdfeuer zu schüren, bemerkte sie auf dem Tisch ein großes Stück Pferdefleisch, und daneben lag ein Zettel, darauf waren von fremder Hand die rätselhaften Worte geschrieben:
     "Kannst du mir helfen jagen,
     kannst du mir helfen nagen !"

 
      Kein Zweifel, hier war der Wilde Jäger im Spiel. Sie hatte ihn mit ihrem sträflichen Vorwitz herausgefordert. Wenn das der Bauer erfährt! Bald ging das Gerede darüber im Dorf von Mund zu Mund, denn sie brachte es bei ihrer Schwatzsucht nicht übers Herz, ihr Erlebnis zu verschweigen. Der Zorn der Dorfleute drohte über sie zu kommen. Ihr Schreck wurde noch größer, als am anderen Morgen auf dem Tisch des Bauern wieder ein Batzen Pferdefleisch lag mit dem gleichen Spruch. Und so ging es fort, jeden Morgen nach einem Durchzug der Wilden Jagd.
      Jetzt bekam es die Magd doch mit der Angst; sie machte sich die bittersten Vorwürfe über ihr lästerliches Treiben, und sie lief schließlich in ihrer Not zum Greizer Pfarrer. Dem erzählte sie alles. Der Gottesmann muß sich in solchen Dingen gut ausgekannt haben, denn er gab ihr den Rat, wenn der Nachtspuk wieder einmal durch das Gut ziehe, solle sie getrost wieder aus dem Dachfenster zuschauen. und mutig und beherzt rufen: "Bring mir auch mal Pfeffer und Salz mit!" Die Magd verriet nichts von ihrem Besuch, befolgte aber genau den Rat. Als die Wilde Jagd wieder einmal des Nachts durch den Hof des Kullichgutes zog, rief sie dem Wilden Jäger den Zauberspruch entgegen. Am andern Morgen aber blieb die Fleischgabe aus. Von nun an ließ sich der Wilde Jäger nie wieder in dieser Gegend sehen.

Heinrich Klinger. Greiz-Raasdorf