Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Der Pechsieder


      Es lebte einmal ein Pechsieder, der sah zur Sommerzeit wohl jeden Tag die Ameislein bei ihrer Arbeit, aber sie wurden seine Lehrmeister nicht.
      Im Gegenteil, er dachte: "Daß ich doch ein Narr wäre, mich so zu schinden und zu plagen!" Und da er die Arbeit nicht suchte, so suchte ihn die Arbeit auch nicht. So kam es. daß er bald nichts mehr zu beißen und zu brechen hatte und mit Weib und Kind Hunger leiden mußte. Einmal, zur Sommerzeit, um Johanni, hatte ihn doch der Hunger angetrieben, wieder nach Arbeit zu gehen, und er schwelte Kienholz im Walde.
      Als er sich nun zur Mittagszeit am Rande des Waldes, wo die Landstraße vorbei führt, ins Gras zur Ruhe niederlegen wollte, da kam ein Wandersmann des Weges, ein braver Handwerksbursche, den das Schicksal hierher verschlagen hatte.
      Und da er gerade ausrechnete, in wieviel Tagen er zu Hause bei seinem kranken Mütterchen sein könnte, wenn er jeden Tag 12 Meilen hinter sich brächte, da kam eine rohe Faust über ihn. Die war des Pechsieders. Der forderte, was er an Geld und Geldeswert bei sich trug. Und weil er es ihm gutwillig nicht geben wollte, so erschlug er ihn.
Als nun des Handwerksburschen Augen im Tode brechen wollten, gewahrte er am Wege, wo er lag, einen Busch Nelken, und ihre Blüten waren von seinem Blute gerötet. Wenn niemand meinen Tod rächen wird, so werden es diese Blumen tun! So rief er aus und starb.
      Der Pechsieder aber dachte: "Dafür lässt´s sich schon tun!", riss die Nelken aus und schleppte den Leichnam tief in den Wald hinein, wo er ihn hoch mit Tannenreisig bedeckte.
      Mit dem Morgengrauen des nächsten Tages zogen die Raben in dichten Scharen nach dem Walde, wo der Leichnam lag und ließen sich auf den Baumwipfeln nieder. Das wurden die Leute gewahr. Und da sie nach der Ursache forschten, entdeckten sie den Leichnam und fanden auch den Platz am Waldrande, da man ihn erschlagen hatte. Aus dem niedergetretenen Grase aber hob eine Nelke ihre Blüte empor. Die war rot vom Blute des Erschlagenen.
      Und als sie näher zuschauten, siehe, da klebte am Stengel, wo sich die Blätter ansetzen, ein breiter Ring von Pech.
      Der Pechsieder hatte die Nelke mit den übrigen zwischen den Fingern gehabt, aber in der Eile nicht mit abgerupft; wohl aber war das Pech von seinen Fingern am Stengel haften geblieben.
      Als die Leute den Pechring gewahrten, sagten sie: "Der kann nur vom Pechsieder kommen."
      So ward die Nelke zum Rächer des Toten, denn der Pechsieder gestand die Mordtat und ward zum Tode geführt.
      Die Nelke trägt aber noch heute an ihrem Stengel den Pechring, und ihre Blüten sind wie Blut so rot. Die Leute nennen sie Pechnelke zum ewigen Gedächtnis der Übeltat des Pechsieders.

Quelle: Heimatbote 1956/9 Seite 176 (ohne Angabe eines Autors)