Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Der Rumor im Spritzenhaus

     Es war eine stille mondhelle Johannisnacht. Der Wächter von Herrmannsgrün dachte in der dritten Morgenstunde gerade daran, die letzte Runde abzublasen, als er plötzlich erschrocken stehen blieb. In dem nahen Spritzenhause hatte er ein eigentümliches Geräusch vernommen. Gespannt horchte er auf. Jetzt war alles wieder ruhig, aber da war es abermals. "Sollte der Herr Pfarrer," murmelte der Alte vor sich hin, "heute am Ende gar Besuch mit der Kutsche gehabt haben, der nun abfahren will?"
     Er wartete horchend noch eine Weile. Aber mit dem Besuche war es nichts, denn auf dem Pfarrhofe blieb alles ruhig. Da war es aber schon wieder, er vernahm es ganz deutlich, im Spritzenhause wurden die Spritzen hin und her geschoben. Die Räder rollten und kreischten an den Achsen, die Geräte klapperten. Er schlich sich nun ganz leise an das Spritzenhaus heran, legte ein Ohr an den Türspalt, um zu erlauschen, ob vielleicht ein Mensch darin herum hantiere. Aber die Türen waren verschlossen und verwahrt, und als er sich davon überzeugt hatte, war von dem Geräusch auch nichts mehr zu hören.
     Der Gemeindevorsteher, als ihm am Morgen davon Mitteilung gemacht wurde, meinte gleichgültig, vielleicht seien Ratten im Spritzenhaus gewesen und könnten einen Schmiertopf heruntergerissen haben.
     Er nahm den Spritzenhausschlüssel vom Riegel und gab ihn dem Alten mit der Weisung, noch einmal hinzugehen und nachzusehen, was da gewesen wäre.
     Aber im Spritzenhaus war alles in bester Ordnung. Da standen die Spritzen, wie sie stehen mußten, die Hölzer lagen vor den Rädern, damit diese fest standen, und nichts war am Boden zu finden, was ein Geräusch hätte verursachen können. Der Alte wunderte sich hin und her, wie so etwas nur möglich sein könnte, und der Gemeindevorsteher meinte, der alte Mann habe sich getäuscht. Als aber bald darauf das erste Unwetter im Frühling über den Ort dahin zog, schlug der Blitz ein und es gab Großfeuer. Da zog man die Spritzen heraus und sie kreischten in den Achsen gerade so, wie es der Alte in der Nacht gehört und am Morgen berichtet hatte.
     Längere Zeit nach diesem Vorkommnis ging der Alte wiederum in der dritten Stunde einer stillen Mondnacht auf seinem Rundgange durch das Dorf. Da hörte er den Wald bei den Jägerhäusern so vernehmlich gewaltig rauschen, als ob ein starker Wind hindurch brause, und als er seine Blicke dieser Gegend zuwandte, kam es in der Luft dahergebraust und geschnaubt, gerade auf ihn zu, haushoch über der Erde. Das hatte die Gestalt eines mäßig großen Pferdes und hob sich schwarz und scharf von dem Nachthimmel ab, zog die Vorderbeine an den Rumpf heran, als ob es mitten im tollen Sprunge sei, und schlug mit dem Schweife hin und her wie ein Karpfen, wenn er im klaren Wasser sich fortbewegt.
     Von dem Rosse ging ein Klirren aus, als ob es mit Ketten angeschirrt wäre, und in tobender Eile raste es gerade dem Spritzenhause zu, über dasselbe hinweg und dann über die Felder nach Raasdorf. Im Gefolge dieser Erscheinung befand sich ein Drehwind, der den Alten erfaßte, herum wirbelte und ihn fast zu Boden geworfen hätte. Hinter sich aber vernahm er einen jähen Krach, als ob ein starkes Bündel Schleißen mit einem Ruck durchbrochen würde, als ob darin ein Haufen trockener Fichtenscheide lichterloh brenne.
     Der Gemeindevorsteher, als er am Morgen davon Kunde erhielt, sah diesmal den Alten besorgt an und meinte: "Was wird das wieder zu bedeuten haben?" Der erwiderte zögernd: "Das müssen wir abwarten." Aber da gab es kein langes Warten. Bald riefen die Sturmglocken die Wehr an die Spritzen.
     In der Richtung, in welcher sich das schwarze Roß vom Spritzenhaus gewendet hatte, stiegen mächtige Rauchsäulen empor. Der Gasthof zu Raasdorf stand in Flammen und sank in Schutt und Asche. Und aus den Flammen heraus gab es einen großen Krach, als ob ein Bündel Schleißen jäh zerbrochen würde, und das Knistern klang gerade so, wie es der Alte zuvor im Spritzenhaus vernommen und kundgegeben hatte.
 

Aus "Sagen des Greizer Reußenlandes" von Hans Stockmann