Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Die Raben vom Jägerhaus 2

2. Fassung
 
      Nördlich von Herrmanngrün liegen am Rande des Greizer Waldes zwei einzelne, vom Verfall bedrohte alte Fachwerkhäuser von einfacher Lehmbauweise, die Jägerhäuser. Vor langer Zeit soll eines der Gebäude eine Försterei gewesen sein. Mancher meidet auch heute noch ihre Nähe, weil es darin "nicht geheuer" sein soll.
      Vor vielen Jahren irrte einmal ein einsamer Wanderer an einem trüben Novembertag bei einbrechender Nacht durch den düsteren Nadelwald, begleitet vom schauerlichen Ruf des Waldkauzes und dem Heulen des Herbststurmes. Wie froh war da unser Wandersmann, als er nach stundenlangem Umherirren zu dem Försterhaus gelangte, hoffte er doch, die stürmische Nacht bei einem gastfreundlichen Weidmann zu verbringen.
      Doch so sehr er auch den eisernen Türklopfer gegen das Tor schlug, im Hause regte sich kein menschliches Wesen. Nicht ohne Bangen öffnete er schließlich die Pforte und schritt auf die Haustür zu, die sich wie von selbst auftat.
      Statt eines freundlichen Willkommensgrußes klang nur das kaum hörbare Ticken des Holzwurmes durch die beklemmende Stille des dunklen Zimmers. Seltsam unheimlich kam es dem Wanderer vor, und die Lust wandelte ihn an, das menschenleere Haus wieder zu verlassen. Jedoch das Krachen der im Sturm stürzenden Bäume und wolkenbruchartiger Regen ließen ihm ratsam erscheinen, zu bleiben.
      Als es ihm gelang, mit Feuerstein und Schwamm ein wärmendes Kaminfeuer zu entfachen, ließ er sich vor dem Kamin nieder; eine wohltuende Wärme löste die kältestarren Glieder, und vom langen Umherirren ermüdet, sank er in einen tiefen Schlaf.
      Mit noch gesteigerter Gewalt rüttelte der Sturm an allem, was an dem alten Gemäuer nicht niet- und nagelfest war. Ein plötzlicher Windstoß schlug jetzt den Fensterladen krachend gegen die klirrenden Scheiben und schreckte den Schläfer aus wirrem Traum. Im flackernden Kerzenschein bemerkte er bald auf dem Tisch ein aufgeschlagenes altes Buch. Neugierig rückte er heran und begann darin zu lesen, als plötzlich die Tür wie von selbst aufsprang und im selben Augenblick das Buch, wie von Geisterhand erfaßt, zusammenklappte. Zur gleichen Zeit stürzte sich mit wildem Flügelschlag eine Unmenge laut krächzender Raben ins Zimmer, die mit ohrenbetäubendem Geschrei den zu Tode erschrockenen Fremdling umflatterten. Wie Peitschenhiebe klatschten die Flügelschläge dem Wehrlosen ins Gesicht. Es schien auch, als wüchse der Schwarm von Minute zu Minute und wolle den ganzen Raum erfüllen. Da schwanden unserem Wandersmann die Sinne, und wie betäubt sank sein Haupt auf den Eichentisch.
      Nach einiger Zeit fühlte er sich unsanft an der Schulter geschüttelt, und als er die Augen aufschlug, stand ein weißbärtiger, alter Jägersmann mit einem von Wind und Wetter gebräunten Gesicht vor ihm, der Bewohner des alten Jägerhauses. Er war ein grobschlächtiger Geselle, dem jedermann im Walde aus dem Wege ging. Gar gruselige Gerüchte tuschelte man sich über ihn zu.
      Endlich brach der Fremdling das Schweigen, und mit angsterfülltem Blick fragte er den Alten, wohin mit einem Male die vielen Raben verschwunden seien. Da wies der alte Förster stumm auf das unheimliche Buch, das wieder aufgeschlagen auf dem Tisch lag, und sprach mit warnender Stimme:
     "Wer selbst die Furcht nicht meistern kann,
     der rühr' auch dieses Buch nicht an!
     Doch wer's schon liest, der fürcht' sich nicht,
     sonst schlagen Raben sein Gesicht."
Von Grauen gepackt verließ der Fremdling eilends das spukhafte Jägerhaus, stürmte hinaus in das Dunkel der Nacht und ließ sich nie wieder in der Gegend sehen.

Nach Trommer (gekürzt)