Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Die Raben vom Jägerhaus

Nacherzählt von Heinz Trommer
 
      Unweit von Herrmannsgrün liegen zwei einzelne, dem Verfall ausgesetzte alte Gebäude, zum Teil noch in primitiver Lehmbauweise mit Fachwerk errichtet, die aber starkem Verfall ausgesetzt waren. Das dorfzugewandte war das Jägerhaus, welches in den letzten Jahren neu hergerichtet wurde. Bei der dazugehörenden Scheune ist das obere Stockwerk abgetragen worden und auf dem Lehmstock das Dach aufgebracht worden, so daß jetzt nur noch ein Schuppen vorhanden ist. Einst, vor vielen, vielen Jahren soll sich eine Reußische Försterei darin befunden haben. Von vielen Ortsbewohnern soll sie aber jedoch gemieden worden sein, weil es darin "nicht richtig" zugegangen sei. Man sagt, Grieshammer sei der letzte Förster dort gewesen und er habe später die Häuser einem gewissen David Trützschler für landwirtschaftliche Zwecke verkauft.
      Lange, lange bevor dies geschah, schritt einmal ein einsamer Wanderer an einem trüben, nebeligen Novembertage durch den düsteren Herbstwald. Das Laub raschelte geheimnisvoll unter seinen Füßen und ringsum raunte es im Herbstwind unheimlich über den Wipfeln. Beim schauerlichen Ruf des Waldkäuzchens war es ihm, als säßen unsichtbare Waldgeister in seinem Nacken und mit einem "Gottlob" fand er sich schließlich vor einem einsam gelegenen Hause stehen. Aus dem Geweih über der Haustüre schloß er, dass es sich um ein kleines Forsthaus handele, und war froh bewegt, die Nacht bei einem Manne seines Weidwerks verleben zu können.
      Doch so oft er auch nach altem Brauch mit dem Türklopfer gegen die Eisenplatte schlug, dass es fast unheimlich widerhallte‚ es rührte und regte sich nichts im Hause. Schon wollte er umkehren, da war ihm, als riefe jemand: Tritt ein! Unwiderstehlich zog es ihn in den Hausgang bis an eine Tür, die sich beim Berühren sofort öffnete. Mit einem freundlichen "Guten Abend!" trat unser Wanderer ein, meinend, es sei jemand im Zimmer. Doch nur das eintönige Ticken und Pochen des Holzwurms klang ihm entgegen. "Sonderbar, wie seltsam ist's doch hier", murmelte der Fremde vor sich her und wäre am liebsten wieder umgekehrt. Doch wohin in der einbrechenden Nacht, wo ihm alles in der Gegend fremd und unbekannt war? Auch hatte sich draußen ein unheimlicher Sturm erhoben, der die Bäume schüttelte, dass sie ächzten und stöhnten. Regen prasselte hernieder, dass man meinte, der Himmel habe alle seine Schleusen geöffnet.
      So entschloß sich unser Jägersmann, trotz allem zu bleiben. Zum Glück fand er ein wenig Zunder und einen Feuerstein, und gar bald knisterte im Kamin ein wärmendes Feuer, das den Raum spärlich erleuchtete. Ohne sich lange umzusehen, ließ sich der junge Weidmann auf einem Dreibein vorm Kamin nieder und schaute sinnend in die Glut. Immer wieder stellte er sich die Frage, wer wohl hier in dieser Einöde hausen könne und nickte, vom langen Weg ermüdet, beim flackernden Kaminfeuer langsam ein.
      Während er nun allerhand krauses Zeug träumte, denn er schlug öfter mit den Händen wild um sich, stapfte draußen, über das miserable Hundewetter arg fluchend, der alte Förster durch den Wald, herauf vom hölzernen Klosterkirchlein am Waldrand seinem Häuschen zu. Er war ein grober Geselle, der sich wenig um seine Mitmenschen kümmerte, und nur einmal im Jahr dorthin fand: am Hubertustag im November, denn mit dem "Jagdgott" wollte er's nicht verderben! Das Unwetter hatte noch nicht nachgelassen und der rauhe Herbststurm fegte noch toller und verwegener über die Fluren. Mit voller Wucht prallte er gerade gegen einen alten Fensterladen am Försterhäuschen, dass der Knall drinnen in der Stube den jungen Jägerburschen unsanft aus seinen Träumen aufschreckte. Unwillkürlich riß er seinen Dolch aus dem Gürtel und stach wild um sich, dass ihm schier der Atem ausging. Erst als er merkte, dass er nur der Luft eine stattliche Anzahl Löcher beigebracht hatte, warf er das Weidmesser mißmutig auf den Tisch, der mitten in der Stube auf einem Bein stand.
      "Ha, ich Hasenfuß, der ich bin", schalt er sich, "mich soll so leicht niemand mehr ins Bockshorn jagen!" Mit diesem Vorsatz setzte er sich an den Tisch und begann ein wenig in einem Buch zu lesen, das da aufgeschlagen lag. Er war mitten dabei, als plötzlich die Tür weit aufgerissen wurde, dass er vor Schreck zusammenfuhr und mit einem Ruck das vor ihm liegende Buch zusammenklappte. Im gleichen Augenblick um-kreischten ihn mit ohrenbetäubendem Geschrei eine Unzahl schwarzer, häßlicher Krähen, deren Schwarm immer größer und größer zu werden schien. Die Sinne schwanden ihm, wie aber erstaunte er, als er wieder zu sich kommend, die Augen aufschlug und neben sich einen graubärtigen, wetterfesten Jägersmann sitzen sah, der behaglich sein Pfeifchen schmauchte und ihn wie mitleidig anlächelte.
      Endlich brach der junge Fremdling das Schweigen und fragte verwundert, noch vor Schreck geschüttelt: "Wo sind die vielen Raben hin?" Da wies der alte Förster stumm auf das Buch, das wieder offen an der gewohnten Stelle lag. "Mein lieber, junger Freund", sprach er zu ihm, "wer selbst die Furcht nicht meistern kann, der rühr' auch nicht dies Buch hier an! Doch wer's schon liest, der fürcht' sich nicht, sonst Raben schlagen sein Gesicht!"

Aus dem Mohlsdorfer Sagenschatz