Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Was Großmutter erzählte ...


      Meine Großmutter waren daheim zehn Geschwister, neun Mädels und ein Bub, ein volles Dutzend mit den Eltern, den alten Pfeifers Leuten. Und da es in Herrmannsgrün noch andere Familien gleichen Namens gab, nannte man den Vater den Mädle-Pfeifer.
      Die Familie wohnte weitab vom Dorf in einem der beiden Jägerhäuser, zwei altersschwachen Fachwerkhäusern auf Raasdorfer Flur, am Rande des großen Greiz-Werdauer Waldes, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten ... Bei so einem Herdel Kinder saß als Gast der armen Leinweberfamilie stets auch Bruder Schmalhans mit am karg gedeckten Tisch. Gab es zu Mittag Erdäpfel mit Hering, dann mußte so ein Armeleute-Karpfen als Zukost für die ganze Familie reichen. Wer das magere Schwanzende erhielt, steckte es in eine heiße Pellkartoffel, damit sich das wenige Fleisch besser von der Gräte löste und zutschte dann bei jedem Happen am Heringsschwanz. An Kartoffeln, die Mutter gleich auf den blankgescheuerten Tisch schüttete, konnte sich jeder sattessen, denn die wuchsen auf eigenem Feld gleich hinterm Haus.
      Standen einmal Erdäpfel und Quark auf dem Küchenzettel, wurde Großmutter zu ihrem Schumanns Großvater, dem Waldhausbauer, nach Waldhaus geschickt, um für einen Groschen Quark zu holen. Jeder bekam dann einen Löffel voll als Zukost, der mußte reichen. Solche ärmlichen Verhältnisse nannte man später "die gute, alte Zeit".
      Die isolierte Lage des einsam gelegenen Jägerhauses, fern von der Dorfgemeinschaft, und der dadurch geringe Kontakt seiner Bewohner mit den Dorfleuten, brachte es in den Ruf einer Wohnstätte, in der es spukt. Da rumorte es bei hellichtem Tag auf dem Kornboden, warf es mit Holzscheiten auf dem Hausboden, knackte es im morschen Gebälk und Getäfel, es tickte der Holzwurm als geisterhafte Totenuhr im Brennholz hinterm Herd, da huschte es schattenhaft im flackernden Lichtschein der Sturmlaterne durch das altersgraue Gemäuer des Kellergewölbes und löschte die Kerze. Es wehklagte die rostige Wetterfahne auf dem Dach und stimmte ein in den Klageruf des Waldkauzes in stockdunkler Nacht . . . Kein Wunder, wenn die Leute im Dorf vom alten Jägerhaus hinter vorgehaltener Hand allerlei Gruseliges und Spukhaftes tuschelten. So erzählte einmal meine Großmutter meiner Mutter ein Kindheitserlebnis von ihrem Geburtshaus, dem alten Jägerhaus: "Ich wäß noch, als wär's heit: 's war e bitterkalter Winterohmd, un 's Feier war in unnern grußen Kachelufen ausgange. Frisches Brennholz brauchet de Mutter zum Aaschür'n. Ower des hat dr Vater in Summer vun grußen Holzstapel ofn Huf nauf ne Ewerbuden geschafft. Do blieb's frn Winter trucken.
      ‚Ernstine', soget do mei Mutter ze mir, gieh doch mol mit dr Mine nauf'n Ewerbuden un hul ne gruße Arvel (= Armvoll) Holz ro. Dr Vater kann net aus´n Stuhl, dar muß morgen frieh liefern.' Des war nu 's Schlimmste, wos de Mutter vun uns Kinnern verlange kunnt, denn mit dr Later (= Laterne) durft'n mir fei net nauf´n Buden. Wir wußten ower aa, deß zr Dammerstund, wenn mr mit dr Mutter im Ufen rim saßen, uum Buden rumpultern tat, als wenn sich e ganzes Hardel Gapel rimbalgetn.
      Mit Angst und Beewern machet'n mir also leise de Budentrepp nauf, visetierten in Dunkeln, wu 's Holz lag un sacket'n fixhurtig - wos haste, wos kannste - e paar Hamvel (= Handvoll) Scheithölzer nei de Scherz.
      Grod wolt'n mir widder Leine zieh, do - of ämal gab's en Plauzer, un e Gepulter ging luus, un vun allen Seiten flochen uns Holzstickle im de Uhr'n. Des war e Geprassel un e Getrummel, als wenn e ganzer Sack vuller Schloßen glei of ämol nauf's Schupfendach prasselten. Ower kä Scheit hot uns getroffen. Natierlich ham mir do Schwanzfadem kriegt un sei wie e Kreizleichter de Budentrepp widder nogesterzt.
Blääch wie ne Kalichwand sterzet'n mir nei de Stub un un drzehlten, wos uns Schracklichs arreviert war. De Mutter tat bluuß lacheln un mönet: ‚Des war bluuß unner Gupel, (Hausgeist) dar tut niemand wos. 'r will när ohmst in seiner Ruh net gestört sei. E annermol huln m'r 's Holz be Tog.'
      Käne zahn Pfaar hätten uns ohmst widder zum Holzhul'n nauf'n Buden gebracht."

Lina Schramm, aufgenommen 1968