Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Der Schlötenmüller


      Vor länger als zweihundert Jahren lebte in der Schlötenmühle bei Greiz ein Müller, der mehr verstand als Bretter in seiner Brettmühle zu schneiden. Man sagte von ihm, er sei ein "kluger Mann" und schöpfe seine Künste als Hexenmeister aus "Fausts Höllenzwang", dem "6. und 7. Buch Moses" und einem "Erdspiegel". Von weit her kamen die Leute und ließen sich von ihm über alles Mögliche geheime Auskunft geben. Er wußte, wo verlorene oder gestohlene Sachen zu finden waren, gab an, wo sich Brunnen graben ließen, entzauberte behextes Vieh, besprach und heilte böse Krankheiten und konnte sogar Menschen "festmachen".
      Für seine dunklen Dienste nahm er keinen roten Heller. Meist suchten ihn einfältige Leute auf, die einen Taler nur vom Hörensagen kannten, und wollten sie ihm ein paar vom Munde abgesparte Heller zustecken, so sagte er: "Steck deine paar Kröten wieder ein! Du bist ja doch ein armes Luder."
      Einmal kam ein Bauer aus Naitschau, der sich bei ihm einen Rat holen wollte, in seine Mühle. Wie der in die Stube trat, saß der Schlötenmüller auf der Ofenbank, und ehe der Besucher sein Anliegen vorbringen konnte, rief ihm der Müller lachend entgegen: "Gelle, wegen Wasser kommst du?"
      Da blieb unserm Naitschauer der Mund offen vor soviel Wissen des andern um seinen Wunsch, und er nickte nur stumm. "Also", fuhr der Müller fort, "einen Brunnen wollt ihr graben, weil ihr kein Wasser habt. Da steht doch in eurem Grasgarten ein großer, alter Birnbaum, der nur kleine Hutzeln trägt. Den hackst du um, machst den Stock raus und gräbst acht Ellen tief. Dann wirst du Wasser erhalten, mehr als du brauchst."
      Jetzt wunderte sich der Bauer zum zweiten Mal, daß der Müller wußte, daß in seinem Garten ein solcher Birnbaum steht. Dann fragte er nach seiner Schuldigkeit. Der Müller winkte aber ab und forderte nur: "Hast du Wasser gefunden und den Brunnen gegraben, kommst du noch einmal und gibst mir Bescheid." Der Bauer nickte, bedankte sich und wanderte heim.
      Gleich am andern Tag wurde der alte Hutzelbirnbaum umgehauen, und das Brunnengraben begann. Bei der siebenten EIle mußten sich die Brunnenbauer beeilen, aus dem tiefen Brunnenschacht herauszukommen, so stark sprudelte das Wasser aus Spalten und Ritzen. Eine Pumpe wurde eingesetzt, und der Brunnen spendete viel und gutes Wasser, wie der Müller vorausgesagt hatte. Nun dachte der Bauer an sein Versprechen und wollte dem Schlötenmüller Bescheid sagen. Da kam er aber bei seiner Frau schief an. Sie spektakelte und schimpfte und ließ ihn nicht gehen.
      Als gegen Abend die Magd Wasser pumpen wollte, um das Vieh zu tränken, kam sie in die Stube gerannt und schrie: "Es kommt kein Wasser mehr! Was nun?" Und wirklich: ein Blick ins Brunnenloch brachte es an den Tag. Der Brunnen war leer. Nun war guter Rat teuer. Jetzt mußte die Bäuerin ihren Mann doch zum Müller in die Schlötenmühle gehen lassen.
      Der hatte den Naitschauer schon erwartet und empfing ihn mit lächelnder Miene. Er machte ihm heftige Vorwürfe, daß er sich von seiner Frau so kommandieren ließ und forderte ihn auf, nur wieder heimzugehen; alles weitere werde sich finden. Er gab ihm aber noch einen guten Rat mit auf den Weg. Beim Fortgehen flüsterte er dem Bauer ins Ohr: "Neben eurem Backofen liegt ein Haufen Besenreisig. Das sehe ich in meinem Erdspiegel. Von den stärksten Reisern machst du einen großen Besen. Und wenn deine Alte wieder mal mit Geschrei und Geschimpf einen Streit von der Wand kratzt, dann läßt du den Besen auf ihrem Buckel tanzen." Der Bauer versprachs und zog heimwärts.
      Als er ins Dorf kam, bemerkte er von weitem, wie die Magd wieder Wasser in den Stall trug. Da rief sie ihm entgegen: "Die Pflumpf geht wieder!" Tatsächlich, der Brunnen stand bis oben hin voll Wasser. Da wußte der Bauer, wem er das Wunder zu verdanken hatte. Gleich machte er sich an die Arbeit und band einen Besen, so stramm und groß, wie noch keinen zuvor. Als das die Bäuerin bemerkte, begann sie gleich wieder zu brummen und zu schimpfen und schrie ihn an, ob er nichts Besseres zu tun habe. Sie hätten genug Besen und brauchten keinen neuen. Der Bauer brummte nur: "Wozu ich den brauche, wirst du bald erfahren", und er schwang ihn zur Probe wie eine Peitsche durch die Luft.
      Wie das zänkische Weib wieder mal den Rappel hatte, ließ er den birkenen Prügel auf ihrem Buckel tanzen, daß es nur so klatschte. Da war ihr der alte Zankteufel ausgetrieben, und vom Spektakelmachen war sie für immer kuriert.

nach E. Lotter/R. Sch