Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Holzmännel und Holzweibel im Schlötengrund

Ein sonniger Spätsommer hatte dem Land Wärme und Feuchtigkeit gebracht. Pilzwetter war, und Schwamme gab es in den Greizer Wäldern in Hülle und Fülle. Jung und alt, ganze Familien machten sich schon früh am Tag auf den Weg und gingen "in die Schwamme". Auch der alte Lätzers Moritz brach eines Morgens mit seinen beiden Enkelsöhnen auf, wohlversehen mit Körben und Schwammesäckchen. Der Alte kannte seine guten Flecke im Schlötengrund, die er keinem verriet und jedes Jahr mit seinen Jungen aufsuchte. Hier gab es die prächtigsten Steinpilze und Rotkappen tief drinnen im Dickicht, wohin so leicht keiner kam.
      Kurz nach Sonnenaufgang waren sie an Ort und Stelle angekommen. "Ihr könnt euch gut bücken und kriechen", sagte er zu den Buben. "Da drinnen habt ihr bald euer Säckel voll. Ich gehe hier in den Hochwald, und damit wir uns nicht verlieren, antwortet ihr immer auf mein Rufen. Und noch eins", fügte er hinzu und hob warnend den Finger, schaute auch seine Buben mit ernstem Blick an: "Nehmt euch in acht! Da drin gibt es Holzmännel. Die lassen nicht mit sich spaßen und wollen von uns Menschen nicht gestört sein. Ruft sie ja nicht an, wenn ihr welche seht!"
      Nun krochen die Jungen behände auf allen Vieren ins Fichtendickicht. Sie mussten sich bücken und ducken und die Zweige zur Seite biegen, um hineinzugelangen. Schon bald wurde ihre Mühe belohnt. Überall standen große und kleine Steinpilze mit ihren steingrauen Kappen wie eine lustige Zwergenschar im Kreise beisammen. Es war ein prächtiger Anblick, der ihnen das Herz im Leibe lachen machte. Immer tiefer drangen die Jungen ins Dickicht, und immer mehr füllte sich ihr Schwammesäckel.
      Als sie auf ihrer Suche an ein besonders dichtes Gestrüpp kamen und eben die Zweige von einigen jungen Fichten auseinanderbogen, hielten sie erschrocken inne. Auf Händen und Knien gestützt deutete einer der Jungen mit stummer Gebärde auf eine Stelle vor ihnen. Gleich hinter dem Fichtendickicht versteckt bemerkten sie einen kleinen, kaum stubengroßen freien Platz, der von kniehohen Fichtenbäumchen begrenzt war. Dicht vor ihnen, mit dem Rücken zu ihnen gewandt, stand ein Männchen, kaum so groß wie eine Schuhlänge. Das sah drollig aus. Er hatte die Hemdärmel aufgekrempelt und hielt mit beiden Händen eine kaum armlange Reißstange mit dem Haken am oberen Ende. Damit riß er die untersten dürren Ästchen und Zweige ab, die den Knaben nur bis an das Knie reichten. Und immer, wenn es ein Zweiglein mit dem Haken erwischt hatte, verzog es sein Gesicht, als wenn es bei der Arbeit viel Kraft aufwenden müsse. So schnitt es mit einen Ruck Zweig um Zweig ab. Fielen sie dann zu Boden, sprang es mit einem possierlichen Sprung behände zur Seite, als ob es sein Leben koste.
      Gleich darauf kam sein drolliges, winzigkleines Weibchen dahergehopst. Es ging auch in aufgekrempelten Hemdärmeln und hatte ein rotes Röckchen an. Es erfaßte immer ein Ästchen und zog es hinter sich her, bis in die Mitte des Platzes. Dort stand ein kleiner Hackstock, und darin steckte ein niedliches kleines Beil. Das war blitzeblank und blinkte in der Sonne wie reines Silber. Damit zerhackte das Holzweibel die Zweige und Ästchen zu Reisig, legte es zu kleinen Bündeln aufeinander und band es dann mit zusammengedrehten Grashalmen zusammen. Ein kleiner Haufen solcher fein säuberlich verschnürter Reisigbündel lag zu einen Stapel geschichtet an der Seite.
      Mit offenem Mund und staunenden Augen knieten die Jungen noch immer da und hielten die Fichtenzweige auseinander. Sie wagten sich nicht zu rühren und verhielten sich mucksmäuschenstill. Das also waren die Holzmännchen, wovor der Großvater sie gewarnt hatte, und das andere kleine Wesen musste dann wohl das Holzweibchen sein. Als sie eine ganze Weile so dagehockt hatten und ihr erster Schreck gewichen war, sie auch sicher waren, dass die kleinen Dinger sie nicht gesehen hatten, ließen sie behutsam und geräuschlos die Zweige sich wieder schließen. Dann krochen sie langsam und leise über den weichen Moosboden zurück und rannten dann um so schneller auf und davon.
      Erst am Rande des Dickichtes fassten sie wieder Mut und riefen halb flüsternd nach ihrem Großvater. Der antwortet ganz in ihrer Nähe. Als er sie aber so verstört und ängstlich blickend sah, fragte er: "Nun was habt ihr denn?"
      "Wir haben sie gesehen, Großvater", raunten sie geheimnisvoll, "ein Holzmännl mit seinem Weibel, und kaum so groß wie ein Schuh waren sie. Aber sie haben uns nicht bemerkt." "Das war euer Glück", erwidert der Alte erleichtert. "Wer weiß, was euch geschehen wäre, wenn sie euch entdeckt hätten." Die Kinder hatten wieder Mut gefaßt und bettelten: "Komm, Großvater, wir zeigen dir die Stelle!" Doch er wehrte entrüstet ab und flüstert vorwurfsvoll: "Ihr seid wohl nicht gescheit! Daß ihr mir die kleinen Holzleute jetzt in Ruhe lasst! Vergeßt, was ihr gesehen habt, und sprecht kein Wort mehr über sie; es könnt euch schlecht bekommen. Kommt, lasst uns heimgehen!"
      Später kamen die Jungen noch oft beim Schwammesuchen zu dieser Stelle im Schlötengrund, aber von einem Holzmännel oder Holweibel haben sie nie wieder etwas gesehen. Wer sie aber einmal erblicken sollte, dem sei geraten, sie in Ruhe zu lassen und beileibe nicht in ihrer Beschäftigung zu stören, denn lautes Lärmen und Toben der Menschen vertreibt sie aus unseren Wäldern.

Nach Weidmann/R.Schramm