Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.
Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)
Der Teufel und der Holzdieb


      Außer Wildern und Fischfang galt früher auch Holzdiebstahl bei den Thüringern nicht als "Sünde", als ein strafwürdiges Vergehen. "Holzmausen ist kein Diebstahl" und "Holz und Unglück wächst alle Tage" waren die Helfreden, mit denen der arme Häusler, der am Walde wohnte, sein Gewissen besänftigte. Das Holzstehlen wollte freilich auch gelernt sein, denn erwischen lassen durfte man sich nicht. Dessen rühmte sich jahrelang auch ein Bauer aus Herrmannsgrün; kein armer Kuhbauer, sondern ein wohlhabender Mausedieb, der es mit Mein und Dein nicht genau nahm. Dazu war er auch noch scheinheilig und bediente sich als frömmelnder Biedermann vor jeder Diebesfahrt eines Zauberspruchs, mit dem er glaubte, den Herrgott zu seinem Komplizen zu machen, wenn er orakelte:
"Hinter mir Nacht und vor mir Tag, dass mich niemand sehen mag. Im Namen ..."
      Einmal hatte er mehr aus Habsucht als aus Not eine Klafter Scheitholz bei den Sandfichten im Waldhauswald bei Greiz erstanden. An einem Herbsttag war er mit einem Ochsengespann in den Wald gefahren, um das Brennholz heimzufahren. Dort, wo seine Klafter stand, waren etwa ein Dutzend andere Holzstapel aufgestellt. Wie er so die lange Reihe Buchenscheite sah, lachte er stillvergnügt und lud Scheit um Scheit auf seinen Wagen. Aber nicht genug, nun ging er auch an die nächste Klafter, zog ein schönes, dickes Scheit heraus und legte es mit spitzbübischem Lächeln zu den anderen. Dann ging er an den zweiten Holzstapel. nahm wieder das schönste heraus und warf es dazu. Und so stahl er von jedem Holzstoß ein Scheit in dem Glauben, ein anderer werde das Fehlende nicht vermissen.
      Wie er das zwölfte Scheit auf den Wagen werfen wollte, rieb er sich stillvergnügt die Hände: "So, nun habe ich noch eine zweite Klafter zusammen. Ein Glück, dass es niemand gesehen hat!" Da schlug ihn jemand von hinten auf den Arm, so derb, dass er vor Schmerz laut aufschrie, das Scheit fallen ließ und davonlaufen wollte. Aber das ging ja nicht. Seine Füße waren wie festgebannt und ließen sich nicht von der Stelle bewegen! Auf einmal stand einer vor ihm, ein baumlanger Kerl in grüner Jägertracht mit einem großen Schlapphut und langer roter Feder. Der sah ihn mit Feueraugen grimmig an, hob seinen langen Spieß, setzte ihn auf die Brust des Bauern und tat gar bedrohlich, als wollte er ihn totstechen.
      Da schrie der Spitzbube in seiner Todesangst: "Net tutstachen! Net tutstachen! Ich will nimmer mausen!" und hob flehend die Hände. Der Riese aber war der Teufel. Er lachte grimmig und drückte die Spitze seines Spießes bald hier, bald da in das Lederwams des Bauern, als wenn er noch nicht die richtige Stelle zum Durchbohren gefunden habe. Dabei freute er sich über die Todesangst des wimmernden Holzdiebes. So trieb der Teufel das grausame Spiel eine ganze Weile. Endlich zog er den Spieß zurück und fragte mit tiefer, grollender Stimme:
     "Ich sollte dich in die Hölle mitnehmen. Wieviel Scheite hast du gestohlen?"
     "Zwölfe waren's, ach Gott, ach Gott, bluß zwölfe!" stöhnte der Dieb.
     "Dein Glück, dass du nicht gelogen hast!"
antwortete der Teufel. "Jetzt kriegst du deinen Lohn." Er riß ihn in die Höhe und zerrte ihn zu einem dicken Baumstumpf.
      "Leg dich drüber! Bauch nach unten, Buckel krumm und runter mit den Hosen!" rief er ihm zu und wimmernd und winselnd legte sich der Bauer darüber.
      Nun trat der Teufel einen Schritt zurück, drehte seinen Spieß um, holte aus, und klatschend sauste die Spießstange nieder auf das Hinterteil des Diebes, der vor Schmerz laut aufschrie.
      "Eins!" begann der Teufel mit Donnerstimme zu zählen, "Zwei - drei!" und so zählte er weiter, bis das Dutzend voll war.
     
      Nun lag der Bestrafte dort wie ein geprellter Frosch, stöhnte und jammerte zum Erbarmen und rieb sich mit beiden Händen sein geschundenes Hinterteil. Dann riß ihn der Teufel hoch, zerrte ihn an seinen Wagen und forderte barsch: "So. nun trägst du das gestohlene Holz wieder auf die Klafter! Aber keines zu wenig, sonst - - !" und schwang drohend den Spieß.
      Hei, was machte da der Spitzbube Beine! Das ging mit den schweren Scheiten so flink wie das Brezelbacken, und erst als das letzte Holzstück wieder an Ort und Stelle lag, war ihm wieder wohler zumute.
      "So", sagte der Teufel, "jetzt fährst du heim! Hoffentlich bist du vom Mausen kuriert. Aber Gnade dir, vergreifst du dich noch einmal an fremdem Gut? Dann fahr' ich mit dir zur Hölle!"
      Im Augenblick, als der Bauer seine Ochsen antrieb, erhob sich ein Wirbelsturm, und der Teufel war entschwunden.
      Seit dieser Begegnung hat der Bauer nie wieder das Mein und Dein verwechselt, weil er den Glauben an den alten Zauberspruch als trügerisch erkannt hatte.

Nach Ernst Lotter