Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Der arme Tagelöhner und der reiche Bauer

Eine kaum bekannte Heimatsage vom "Schwarzen Loch" bei Waldhaus
 
      Vor langer, langer Zeit lebte in H e r r m a n n s g r ü n ein armer Tagelöhner mit seiner kinderreichen Familie, der kaum das Salz zum Brot verdiente. Sein ganzer Besitz waren eine alte Lehmhütte, ein klappriger Gaul und ein schadhafter Ackerwagen. Weitab von seiner Hütte lag am Rande des großen Greizer Waldes ein schmales Stück steiniges Ackerland, von dem er jedes Jahr nur das Wenige erntete, was ihm Hasen und Wildschweine übrig ließen.
      Als er einmal nach schwerer Tagelöhnerarbeit von seinem Nachbarn, einem reichen Bauer, nach Hause gekommen war, spannte er an, um bei hellem Mondschein in den Kalklöchern von W a l d h a u s bei Greiz einen Karren Kalk zu holen. Damit wollte er seine baufällige Hütte ausbessern. Eine lange Regenzeit hatte aber die Waldwege so aufgeweicht, dass sein Gaul den Ackerwagen nur mit Mühe über die morastigen Wege zu ziehen vermochte. Schließlich war er dort angekommen, wo heute noch kurz vor der Waldhauser Kalkhütte, links der Straße, eine Anzahl kleiner trichterförmiger Gruben und Erdhügel unter alten Buchen die Stellen anzeigen, wo einst die Häusler der Umgebung den Kalk abbauten.
      Nachdem er eine kleine Fuhre davon aufgeladen hatte, machte er sich auf den Heimweg. Er kam aber nicht weit, denn nun war es für den altersschwachen Gaul noch schwerer, die volle Fuhre über die durchweichten Waldwege zu ziehen. Und so geschah es, dass Pferd und Wagen bald im grundlosen Boden stecken blieben. So sehr auch der arme Tagelöhner in die Speichen fasste und sein Gaul sich in die Stränge legte, das Gefährt war nicht von der Stelle zu bewegen und versank samt Pferd immer tiefer in den Grund.
      Es blieb dem Unglücklichen kein anderer Ausweg, als Pferd und Wagen stehen zu lassen und sich auf den weiten Rückweg zu machen, um bei dem reichen Bauer Hilfe zu holen. Als er ihn zu später Nachtstunde geweckt hatte, klagte er ihm sein Missgeschick und bat ihn, ihm seinen Knecht und zwei seiner Pferde mitzugeben, sonst müssten Gaul und Wagen im Boden versinken.
      Dem reichen Bauer passte es aber gar nicht, dass man ihn aus tiefem Schlaf geweckt hatte. Wütend antwortete er dem hilflosen Tagelöhner, an dem Unglück sei er selbst schuld, und was er denn bei nachtschlafener Zeit in Waldhaus zu schaffen habe. Er denke nicht daran, seine guten Zugpferde für einen alten Klepper aufs Spiel zu setzen. Und rums, schlug der alte Armeleutehasser das Kammerfenster zu.
      Da war freilich guter Rat teuer. Voll Verzweiflung und mit Groll im Herzen über die Bosheit des alten Menschenfeindes lief unser Tagelöhner den weiten Weg nach Waldhaus zurück, in der bangen Erwartung, er werde wohl Pferd und Wagen ganz im tiefen Morast versunken antreffen.
      Wie staunte er aber, je näher er an die Unglücksstelle kam und schon von weitem ein seltsames Getümmel bemerkte, als ob dort eine Schar kleiner Wesen emsig grub und buddelte und schaufelte. Jetzt sah er auch zu seiner großen Freude sein Pferd wohlbehalten auf dem Wege stehen. Die "Unterärdischen" (wie der Volksmund sie nannte), die Graumännchen, hatten sein Jammern gehört und kamen aus ihren unterirdischen Schlupfwinkeln hervor, nachdem er sich auf den Heimweg begeben hatte. In dieser Zeit begannen sie, das versunkene Gefährt auszugraben. Das ging so flink und behände, dass unser Tagelöhner aus dem Staunen nicht herauskam.
Kaum hatten die guten kleinen Helfer den letzten Spatenstich getan husch, husch waren sie im Walde verschwunden, ohne dass der Glückliche sich bedanken konnte.  Die Unglücksstelle war aber wie von Zauberhand wieder glatt und eben, auch fest und trocken wie nie zuvor.
      Kurze Zeit danach kam der reiche Bauer und sein Knecht mit einem Fuhrwerk daher, um eine große Fuhre Brennholz abzufahren. Als sie über die gleiche Stelle fuhren, versanken im Handumdrehen Pferde und Wagen so rasch im weichen Boden, dass sich Bauer und Knecht nur mit knapper Not durch einen Sprung vom Wagen retten konnten. Nun war es am Bauern, aus Herrmannsgrün Hilfe zu holen. Doch wie er mit ein paar Tagelöhnern und frischen Zugpferden zurückkam, zeigte sich an der Unglücksstelle nur noch ein tiefes schwarzes Wasserloch, das Pferde und Wagen verschlungen hatte.
      Das war das heimliche Werk der "Unterärdischen", die des Nachts das Sumpfloch von neuem ausgegraben und mit Reisig, Erdreich und Moos abgedeckt hatten in der weisen Voraussicht, der hartherzige Bauer werde bald denselben Weg fahren. Sie gedachten, ihn dann auf die gleiche Weise zu strafen, wie es seinem Tagelöhner als Missgeschick widerfahren war. Später ließ der Bauer das Erdloch mehrmals zuschütten, aber immer wieder stürzte es zusammen und füllte sich von neuem mit dunklem Wasser. Dann erschien es wie ein unergründliches "schwarzes Loch". Diesen Namen behielt es bis auf den heutigen Tag. Den tiefen Erdtrichter aber hat man längst aufgefüllt...

Aufgeschrieben von Rudolf S c h r a m m Diese Sage, von Generation zu Generation weitergegeben, geht auf den ersten Informanten, den Vorfahr des Verfassers, Christian Schumann (geb. 1803 im Ortsteil Grüne Eiche bei Kleinreinsdorf) zurück, der bis zu seinem Tod (1886) Bauer "auf dem Waldhaus" gewesen war und von dem sie der Mutter des Verfassers überliefert wurde, von der er sie hörte.