Sagen, Erzählungen und Geschichten die unseren Ort betreffen.

Aus dem Mohlsdorfer Sagen- und Geschichtenbuch (Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Mohlsdorf 2002)

Die goldene Kutsche von Waldhaus


      Wie oft saß ich als Kind nach beendeter "Schwammejagd" mit meinem Großvater zur Sommerzeit am Ufersaum des "Schwarzen Loches" im Greizer Waldhauswald und ließ mir mit kindlichem Erschauern die phantastische Mär von der "unergründlichen Tiefe" des düsteren, von Geheimnissen umwitterten, stillen Waldweihers erzählen, in dessen dunkelgrünem Wasser sich die Wipfel der alten Buchen spiegelten. Immer wieder von neuem lauschte dann der wundergläubige Knabe der seltsamen Erzählung von der goldenen Kutsche in der Tiefe des Weihers, die seine kindliche Phantasie zu den wunderlichsten Vorstellungen verführte...
      Vor vielen Jahren, als sich die aufgelassene ehemalige Kalkgrube bei Waldhaus mit Himmelswasser zu füllen begann, versenkten die "Unterirdischen", die menschenfreundlichen kleinen Waldmännel, ihre reichen Schätze im Grunde des kleinen Waldweihers. Hier waren sie sicher vor dem Zugriff der habgierigen Menschen. Das Kostbarste ist ein aus purem Gold bestehender Kutschwagen, der alle sieben Jahre in der Johannisnacht aus der Tiefe des Wassers auftaucht, aufs hohe Ufer zurollt und sich nur den Blicken eines Sonntagskindes zeigt. Wem das Glück in die Wiege gelegt worden war, an einem Sonntag geboren zu sein, dem würden die Waldmännel die Goldkarosse zu eigen geben und ihn zu Glück und Wohlstand führen. Er braucht sie nur eine kleine Strecke über den Uferrand zu ziehen. Währenddessen darf aber kein Sterbenswörtchen über seine Lippen kommen. Das würde dem Glücklichen nicht nur um den Besitz der goldenen Prachtkutsche bringen, sondern für ihn auch höchste Gefahr für Leib und Leben bedeuten.
      Da waren einmal zwei Zwillingsbrüder aus der Herrengasse in Herrmannsgrün, die wagten einst als Sonntagskinder die abenteuerliche Schatzhebung. Gleich unterhalb der alten Kalkhütte hockten sie sich am Johannistag zur Mitternacht nieder und erwarteten gespannt den Augenblick, da das "Schwarze Loch" sein Wunder freigeben würde. Kaum war die Mitternachtsstunde angebrochen, da schien es den beiden, als brodele und koche das Wasser des kleinen Weihers, und aus der Tiefe auftauchend erhob sich über den wallenden Wasserspiegel - die goldene Kutsche, zauberhaft schön im fahlen Licht des Mondes. Wie zitterten da die Brüder teils vor Schauer, teils vor Freude angesichts der märchenhaften Erscheinung! Und heimlich taten sie gegenseitig durch Zeichen kund, ihr Glück nicht durch ein vorlautes Wort zu verscherzen.
      Schon war das Gefährt ganz aus den Wellen aufgetaucht und näherte sich, lautlos über den Wasserspiegel rollend, wie von unsichtbarer Hand gelenkt dem Ufer. Da erfaßte der eine der Brüder rasch die goldene Deichsel, während der andere behend die Speichen des Hinterrades griff. So mühten sie sich mit vereinten Kräften, den Prunkwagen vollends auf den schmalen Uferweg zu schieben. Dabei löste der Fuß des vorn ziehenden Bruders einen großen Stein; der legte sich im Rollen vor ein Hinterrad und hemmte so die Kutsche im Fahren. "Zieh nur Bruder, zieh feste!" flüsterte da der hinten Schiebende. "Gleich haben wir´s geschafft!"
      Kaum war das letzte Wort verhallt, da zerriß ein schauriger Donnerschlag die Stille der Nacht, und wie von einer unsichtbaren Macht ergriffen riß es die beiden Unglücklichen samt der goldenen Kutsche rückwärts den Abhang hinab und ließ sie mit den Brüdern wieder in den Fluten des Weihers versinken. Hier soll sie noch immer ruhen und auf ihre Bergung durch einen Glücklicheren harren...
      Mehr als sieben Jahrzehnte sind seitdem vergangen, da ich als Kind die sagenhafte Kunde von der goldenen Kutsche im "Schwarzen Loch" bei Waldhaus vernahm. Und noch immer, wenn ich am Ufer des stillen Waldweihers sinnend stehe, klingen mir des Großvaters Worte in den Ohren, mit denen er seine Erzählung schloß: "Ja, Junge, ein Sonntagskind müßte man sein!"

Rudolf Schramm (Informant: Friedrich Vogel, geboren 1843 zu Herrmannsgrün, Kreis Greiz, gelernter Zeug- und Leineweber, gestorben 1936 zu Greiz-Irchwitz, letztmalig aufgenommen 1934)
 
Anmerkung:
Als "Schwarzes Loch" wird noch heute eine bei dem Greizer Naherholungsgebiet Waldhaus gelegene und mit Wasser gefüllte Grube, die sog. Kalkgrube, bezeichnet. Sie liegt unmittelbar unterhalb der alten idyllischen Kalkhütte am Rande einer kleinen botanisch und geologisch interessanten Muschelkalkscholle.
Die Kalkgrube ist im geologischen Sinne ein sog. Grabenbruch. Eine kleine Triasscholle mit Muschelkalk, und ein Sockel von Buntsandstein sind in das ältere Schiefergebirge eingesunken und auf diese Weise erhalten geblieben, während die darüber gelagerten jüngeren Schichten des "Muschelmeeres" abgetragen wurden. Diese Stelle ist der Schauplatz unserer Sage.
Hier wurde bereits vor mehr als 250 Jahren bis zum Bau der Elstertalbahn in den Jahren um 1870 der Weißkalk für die Maurer abgebaut und in dem nahegelegenen Brennofen gebrannt. Nachdem die Grube aufgelassen war, füllte sie sich mit Oberflächenwasser, das durch einen Abzugsgraben abgeleitet wurde. Der Stollen verfiel, und nun hatte die Grube keinen Abfluß mehr. Seitdem verfehlt der düstere, stille Waldweiher mit seinem dunkelblaugrünen Wasser, in dem sich die Wipfel alter Buchen spiegeln, nicht seine Wirkung auf den einsamen Waldgänger und bietet Anlaß zur Sagenbildung.